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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:45

Peter James: So gut wie tot

04.07.2009

Der Verkäufer

Peter James verkauft und verkauft und verkauft. Das ist sicher schön für ihn, aber was um Himmels willen, hat er denn zu verkaufen? Und taugt das Produkt? ANNA VERONICA WUTSCHEL gibt die Stiftung Warentest …

 

Nicht zu geistreich, aber mit individueller Note und easy-reading-Garantie, so ungefähr könnte der Konstruktionsplan von Bestsellern aussehen. Und so betrachtet ist Peter James ein ganz versierter Baumeister. Das Fundament der Stories ist solide auf altbekannten Drehs mit Extrakick gegossen. Von der Vorlage nicht zu stark abweichend, bietet James in der inzwischen vierteiligen Detective Superintendent Grace-Saga schicke Fassaden. Doch dann: Pfusch am Innenausbau! Aber egal – was an austauschbaren Versatzstücken tausendfach funktioniert hat, muss einfach hinhauen. Und tatsächlich ist aus So gut wie tot wieder ein Bestseller geworden.

Zwei tote Frauen, die eine in einem Abwasserkanal in Brighton gefunden, die andere in einem Fluss in Australien versenkt, bringen Ronnie Wilson ins Stolpern. Dabei ist Ronnie, der Kleinganove aus Brighton, längst selbst tot, starb er doch beim Anschlag auf das World Trade Center 2001. Oder nicht? Dort hatte der notorische Pleitegeier zumindest exakt zum Zeitpunkt der Attentate einen wichtigen Geschäftstermin, der seine finanzielle Existenz retten sollte.

Für Detective Superintendent Grace ist Ronnie Wilson schnell der Hauptverdächtige, denn bald kann ermittelt werden, dass beide toten Frauen vor ihrem Ableben mit Ronnie verheiratet waren. Und seltsam – trotz der allseits bekannten desaströsen finanziellen Situation, in der Ronnie sich stets befand, scheint mit den Damen jedes Mal ein kleines Vermögen, ja Millionen gar, verschwunden zu sein. Doch wie jagt man einen Toten? Und wer ist die Frau, die zu allem bereit scheint und in Brighton für eine Menge Wirbel sorgt.

Man löst solch eigentümliche Fälle offenbar, indem man auf viele Zufälle hofft, diese dann auch zeitgerecht eintreten, und man in der Zwischenzeit unzählige Lagebesprechungen abhält. Man ärgert sich mit den Kollegen rum, jettet nach New York und nach Australien, um dann die Akte als faktisch ausermittelt in die Ablage schieben zu können.

 

Who cares ...?

All das erzählt uns Peter James in So gut wie tot auf zwei Zeitebenen und aus zahlreichen Perspektiven nett verschachtelt. Kleine und große Gaunereien, falsche Identitäten und ein neuer Kollege, der Grace so gar nicht passt, der aber locker ausgetänzelt werden kann und sich dafür hinterhältigst rächt. Viel  eine wahrlich explosive Mischung.-Geld, Briefmarken und schöne Frauen  Zumindest eine des schwachen Geschlechts ist allerdings wesentlich gerissener, als es zunächst scheinen mag. Und wenn man eine attraktive, raffinierte Frau in die Ecke drängt, kann man durchaus dies oder das erleben. Doch leider schert sich James nicht ernstlich um das Unberechenbare, nicht um das Undurchschaubare, dazu bleiben seine Figuren viel zu oberflächlich und auskalkuliert.

Neuneinhalb Jahre wird nun Sandy, Graces Frau, vermisst. Solch schwere Bürde auf des Protagonisten Schultern muss aber auch vom Autor gebuckelt werden. Bereits hier erweist sich James nicht gerade als ein eleganter Stilist. Das Dilemma wird zwar immer wieder aufgetischt und aufgetischt, bleibt allerdings seicht in uninspirierter Betrübnis stecken. Zwischen papiernen Dialogen hebt Grace mit seiner neuen Liebe Cleo allabendlich einige Gläschen Wein und weitaus Hochprozentigeres, wenn er nicht mit seinem Kollegen Branson, dessen Eheprobleme in der Endlosschleife stecken, so richtig einen picheln geht. Derartige Trinkfreuden sowie ganz andere Nebensächlichkeiten verderben dem Text jedoch jeglichen Tiefgang, und der vermeintliche Hintersinn (man weiß schon: existenzielle Probleme und alkoholkranke Polizisten) versackt in Belanglosigkeit.

Der Clou von So gut wie tot liegt in der absurden Frage, was passiert, wenn einer glaubt, das Leben hinge davon ab, in eine Katastrophe hineinlaufen zu müssen, während alle anderen um ihr Leben davonrennen und Tausende sterben. So dreht James das offenkundig Plausible kurzerhand um, stellt die Welt auf die Schnelle auf den Kopf und rüttelt diese Groteske ordentlich durch. Letztlich werden hier New York und die Attentate des 11. Septembers dem Text, allerdings wenig sinnhaft, dafür rein reißerisch, übergestülpt. Da wird so frech abgeputzt, dass es makaber wird. Oder wie es im Text heißt : „Tragödien sind ein gutes Geschäft.“ Aber um echte Tragödien geht es Peter James ja gar nicht. Und so steckt wieder einmal hinter einer feschen Fassade nicht vielmehr als konsequente Effekthascherei. Wer tatsächlich etwas über New York und die Nachbeben der Tragödie lesen will, greift wohl eher zu einem Roman von Reggie Nadelson.

 

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