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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:45

Valerie Wilson Wesley: Zimmer 311

04.07.2009

Die genügend gute Mutter

Was früher einmal als vernünftiges Projekt angefangen haben mag, kann zur Last werden: Serien. Vermutlich leidet erst der Autor oder die Autorin darunter, dann zunehmend auch das pp Publikum. SABINA SCHUTTER hat sich daraufhin den neuen Roman von Valerie Wilson Wesley angeschaut.

 

Serienfiguren sind ambivalent. Einerseits ist es schwer, sich von einmaligen Figuren zu verabschieden – ich bedaure sehr, dass Lilli Steinbeck nach nur einem Roman verschwindet, Henry Winter aus The Secrect History von Donna Tartt habe ich Tränen nachgeweint. Tamara Hayle, die schwarze Privatdetektivin löst in Zimmer 311 bereits ihren siebten Fall und man kann Valerie Wilson Wesley nicht vorwerfen, dass sie die alleinerziehende Privatdetektivin vom stets gleichen Setting umgibt, denn was soll sich daran ändern? Und doch, manchmal ist die unerfüllte Sehnsucht nach einer Fortsetzung vielleicht erfüllender als eine gewisse Redundanz.

Tamara Hayle lebt immer noch in Newark, NJ, die sozialen Probleme der Stadt sind schlimmer geworden, ihr Sohn Jamal ist fast erwachsen und kämpft mit dem prekären Leben in dem drive-by-shooting, wo Drogen und Kriminalität an der Tagesordnung sind. Alleinerziehend und inzwischen mit Larry liiert, der ihr Imperfektion als Mutter vorwirft, steht sie nun vor einem Fall, in dem auch Mutterschaft eine zentrale Rolle spielt. Das Baby einer alten unguten Bekannten, Lilah Love, ist verschwunden und sie möchte es wiederhaben. Lilahs Ex-Mann – vom Irak-Krieg traumatisiert – und seine Familie melden an dem Kind Baby Dal jedoch auch Ansprüche an. Lilah Loves kleine Schwester Thelma Lee spielt ein Versteckspiel, denn sie hat Baby Dal in ihrer Obhut. Es beginnt eine Jagd nach dem kleinen Baby, in der Tamara in einer Zwickmühle steckt, denn keine Umgebung scheint dem Aufwachsen dieses Kindes angemessen. Weder der jähzornige traumatisierte Vater, noch die geldgierige Lilah Love können gute Eltern sein, stecken sie doch viel zu sehr in eigenen Problemen fest. Lilah Love wird getötet und weitere Menschen werden sterben – Jamal gerät durch einen Zufall in den Mittelpunkt des Kreises der Verdächtigen. Tamara wird nun mit ihrer eigenen Rolle als Mutter konfrontiert.

 

Keine Träne ...

All das sind keine uninteressanten Geschichten, die Konflikte über die richtige Umgebung für Kinder treiben auch in Deutschland Presse und Politik um. Die Mühen des Alleinerziehens, der ständige Verdacht des Generalversagens als Mutter, die Probleme heranwachsender Jungen sind realistisch und einfühlsam beschrieben. Tamara Hayle muss sich zwischen Geldsorgen, einem aufreibenden Beruf und einer Stadt am sozialen Abgrund als genügend gute Mutter erweisen. Und dieses genügend Gute scheint sich auf den Roman zu übertragen. Es ist, als hätte Valerie Wilson Wesley sich zu sehr auf die bereits ausgereizten Themen verlassen, als würden die Merkmale „einzige weibliche, schwarze, alleinerziehende Privatdetektivin“ ausreichen, um einen genügend guten Kriminalroman zu schreiben. Die Dialoge sind klischeeartig und wirken in der Übersetzung kaum originell, die Geschichte endet natürlich überraschend, wird aber erst durch einen launig angeklebten Epilog aufgelöst, die Hauptfiguren haben sich in den letzten Romanen kaum entwickelt. Ich fände es einerseits schade, wenn Tamara Hayle keinen weiteren Fall lösen würde, aber ich weine ihr vielleicht lieber ein paar zerdrückte Tränchen nach, winke mit dem Taschentuch und hoffe, dass Valerie Wilson Wesley sich eine neue Romanfigur ausdenkt.

 

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