Joshilyn Jackson: Ein Wunder ist nichts dagegen
15.08.2009
Nichts gegen ein Wunder
Joshilyn Jackson siedelt ihr Krimidebüt in den Südstaaten an und lässt dabei keine Gefahr aus: Religion, Rassismus, Romantik, High-School-Drama und Familiendynamik können eine Geschichte mitreißend machen, sie können aber auch in eine allend(e)eske Schmonzette führen. Sabina Schutter lässt sich überraschen …
Als Arlene zum Studium von Alabama nach Chicago zieht, ändert sie nicht nur ihren Namen in Lena, sie schwört Gott gegen Gegenleistung, nie nach Alabama zurückzukehren, nie wieder Sex zu haben und nie wieder zu lügen. Die beiden letzteren Dinge schließen sich eigentlich gegenseitig aus, aber Arlene hält durch, bis Gott vertragsbrüchig wird. Rose Mae Lolley, High-School-Queen aus Lenas Vergangenheit, taucht in Chicago auf und stellt Fragen über den göttlichen Quarterback Jim Beverly, damals der Schwarm aller Schülerinnen. Jim Beverly verschwand kurz vor dem Abschluss. Damit bricht Lenas Vergangenheit inklusive Tante Florence, einer – ja das ist ein Klischee – baptistischen Stahlmagnolie, der tablettenabhängigen Mutter und Lenas Cousine Clarice, mit der sie aufgewachsen ist, über sie hinein. Lena packt ihren (schwarzen) Freund Burr ins Auto und fährt nach zehn Jahren nach Alabama. Weil Gott den Deal als erster gebrochen hat, hat sie zudem Sex und lügt wieder.
Die Alabama-Kakerlake
Jackson hat mit ihrem Debüt Ein Wunder ist nichts dagegen – wie so oft passt der Originaltitel Gods in Alabama besser – einiges richtig gemacht. Sie hat eine Geschichte mit zwei Zeitebenen so aufgebaut, dass sie weder langweilig noch artifiziell wird. Sie hat eine Hauptfigur gewählt, die durch den Konflikt zwischen Herkunftsfamilie und Bildungsaspiration, durch den Wunsch zu vergessen und die Sehnsucht nach Wurzeln, durch bitteren Überlebenswillen und den Anspruch an die eigene Integrität eine Form erhält, die man lieben und bewundern, verachten und bemitleiden kann. Gleichzeitig verzichtet Jackson angesichts der Emotionen die eine Familie bereits durch Anwesenheit bietet, auf den gefühlsverbrämten und adjektivverschwendenden Stil, der bei einer Südstaatengeschichte verführerisch gewesen wäre. Statt sich auf 600 Seiten in Landschaft, Hitze, viktorianische Häuser und Ku-Klux-Hetzjagden zu ergehen, beschränkt sich die Autorin für das Lokalkolorit auf die Beschreibung einer Alabama-Kakerlake, die Zahnpasta frisst. Und kommt nicht zuletzt deshalb mit 300 Seiten aus.
Wer über die Südstaaten schreibt, kann beim Thema Rassismus nur Fehler machen. Ihn auszulassen wäre verräterisch. Ihn nur zu benennen wäre mankellisch – da kann man gleich einen Zeigefinger-Politthriller schreiben. Rassismus offenbart sich im direkten sozialen Kontakt. Den stellt Jackson her, indem die Hauptfigur einen schwarzen Fast-Ehemann hat. Diese Konstellation gibt dem Rassismus zwar eine etwas schlichte Dramatik, eröffnet aber, vor allem weil Burr einfach fantastisch witzig ist, mehr Tiefe. Ich persönlich hielte eine so rassistische Familie für unverzeihlich und finde die Auflösung des Themas zu platt, aber das soll in diesem Fall kein Killerkriterium sein.
Joshilyn Jackson ist ein spannender Roman gelungen. Realistische Dialoge ergänzen sich mit treffenden Bemerkungen zu einer berührenden Geschichte, die weit über die Frage des Verschwindens eines Jungen reicht. Und gute Unterhaltung grenzt ja inzwischen fast an ein Wunder.
Sabina Schutter
Joshilyn Jackson: Ein Wunder ist nichts dagegen (Original: Gods in Alabama, 2005). Aus dem Amerikanischen von Birgit Schmitz. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 2009. 336 Seiten. 8,90 Euro.