Giles Wareing lebt in der Londoner Vorstadt, hat zwei Kinder, eine Frau und wird bald 40. Er ist ein mittelmäßiger Journalist bei einer Tageszeitung und genau in der Nische, genug Geld zu haben, sich aber nicht vor ernsthaftem Erfolg fürchten zu müssen. Sein Leben erscheint ihm langweilig, er trinkt zu viel und Carol, seine Frau, hasst ihn eigentlich. Beide haben aus Mangel an Alternativen geheiratet. Er googelt in einer typischen schlaflosen Nacht seinen Namen und stößt auf ein Giles-Wareing-Hassforum. Das passt ganz gut, denn irgendwie hasst Giles sich auch selbst, wobei Hass fast ein zu großes Gefühl wäre.
HASS
Damit beginnt für Giles eine kleine Krise. Regelmäßig liest er die Hasseinträge, versucht besser zu schreiben, nimmt Drogen, jemand wird getötet. Er versucht, die Internethassgruppe kennenzulernen, anonym versteht sich.
Tim Dowling sind in dieser Geschichte ein paar gute Beobachtungen gelungen. Wirklich witzig sind die Passagen der Männlichkeitsrituale, sei es in mittelmäßigen Künstlerkreisen oder in Aktivistengruppen. Fast erschreckend sind der Beziehungsalltag, der pampige Umgang und die ständig schwelende Unzufriedenheit beschrieben. Ein klein bisschen Gesellschaftskritik hat der Autor auch eingebaut – über die indirekte Kommunikation und irreale Personen im Netz.
Letztendlich ist das vielleicht das Interessanteste an Ich hab nix gemacht: die 40-Jährigen stellen die Generation an der Schwelle des web 2.0 dar. Laut Wikipedia wurde das www 1989 entwickelt. Da waren die 40-jährigen Menschen 20. Wer heute 50 ist, kann sich von den Kindern verbieten lassen, sich bei Facebook zu registrieren. Wer 40 ist, fragt sich, ob die eigenen Kinder sich bei SchülerVZ registrieren dürfen und wie viel Stunden die Tochter vor dem Notebook sitzen darf.
Und in zweiter Hinsicht passt das Buch zum Zeitgeist oder als Geburtstagsgeschenk. Die Selbstdarstellung und Selbstexploration hat durch Facebook, Blogs und Twitter exponentiell zugenommen, damit wird die permanente Midlifecrisis vorweg genommen. „Was machst Du gerade“, fragt der Facebook-Account und ich soll es in einem Satz beschreiben. Nichts machen kommt nicht vor, wer am meisten macht, hat gewonnen.
Was machst Du gerade?
„Was machst Du gerade?“ und Tim Dowling antwortet Ich hab nix gemacht. Aber der Autor denkt die Geschichte nicht zu Ende und das ist einerseits das Enttäuschende, andererseits vielleicht die einzig richtige Option. Natürlich endet Giles mit seiner Minimal-Wohlstands-Krise nicht in einer Katastrophe, das wäre viel zu dramatisch. Aus inhaltlicher Sicht passt das schon, aus Leserinnensicht enttäuscht es mich. Denn die Flucht aus einem Lebensmodell lebenslanger Ehepaarmonogamie mit entsprechendem Nachwuchs und mittelmäßiger persönlicher Entwicklung als Perspektive in einem Buch deprimiert mich. Ich würde mich von daher beleidigt fühlen, wenn mir jemand das Buch schenkt. Aber ich bin ja auch eine Frau und höchstens 23 Jahre alt.