Zwischen Gut und Böse
Einer der Gründe, warum Superheldencomics für erwachsene Leser wenig ansprechend sind, liegt wohl in der unnatürlichen und unerträglichen moralischen Klarheit. Genau in diesem Punkt unterscheidet sich das Genre von Noir-Geschichten. Gutes Noir entwirft eine eigene Moral, die sich nicht in Einklang bringen lässt mit bürgerlichen Vorstellungen von richtig und falsch.
Menschlichkeit wird nicht virtuell korrigiert, sondern Gegenstand der Überlegungen. Ed Brubaker schafft mit Sleeper einen gekonnten Brückenschlag zwischen diesen Polen, und das ohne Rückgriff auf das abgedroschene Schema: „with great power comes great responsibility.“ Da gibt es zum Beispiel die Geliebte von Carver, Miss Misery, die ihre Lebens- und Superkraft aus der Verrichtung böser Taten zieht und ohne dieses Tun zugrunde ginge. Mit welchen Kategorien lassen sich die Handlungen einer Figur bewerten, deren Existenz von Natur aus dem Wohl der Mitmenschen entgegengesetzt ist? ‚Bösartig‘ und ‚schlecht‘ scheinen in diesem Falle sehr unzureichende Begriffe zu sein.
Im Zentrum der Geschichte steht freilich die Situation von Carver selbst. Als Undercoveragent muss er sich notwendigerweise an den Verbrechen von TAOs Organisation beteiligen. Der Zweck heiligt dabei die Mittel. Wenn jedoch der einzige Mitwisser über Carvers wahre Identität, John Lynch, im Koma liegt, auf welcher Seite steht Carver dann? Verändert sich der Charakter seiner Taten durch das Wegfallen der Legitimation? Carver wird hier zum Sinnbild moralischer Orientierungslosigkeit. Verstärkt wird das Gefühl der Desorientierung durch den grafischen Aufbau des Comics. Jede Seite bildet ein einzelnes Panel, auf dem wiederum kleinere Panels scheinbar willkürlich angeordnet sind. Dass dieser Aufbau den Lesefluss nicht stört (Wo geht’s jetzt weiter?), ist eine beachtliche Leistung von Sean Phillips.