State of Play
20.03.2010
Verzwickte Irrsinnswelt
Politthriller sind sowieso oft die interessantere Sortierung von Kriminalliteratur, prinzipiell gesehen. Multimedial sowieso. Das heißt nicht, dass jedes Teil ein Knaller sein muss. Deswegen hat ANNA VERONICA WUTSCHEL zunächst TV geschaut - und dann einen ganzen Film.
Mit Tricks und Finesse wird gearbeitet, wenn es um die Exklusivstory geht. Grenzen verschieben sich, Moral und Ethos werden dehnbare Begriffe bei der Jagd auf Fakten und Wahrheiten. Doch wenn sich die Presse, die sich für rechtschaffen hält, so richtig die Finger schmutzig macht, kommen selbst ihr Skrupel. Hinter heruntergelassenen Jalousien und verschlossenen Türen beraten sich die Journalisten, ihr Chefredakteur und der Justiziar. Ehrfurchtsvoll betrachten sie aus der Distanz das Objekt der Begierde: Beweismaterial, das sie vor der Polizei, vor allem aber vor der übrigen Presse zurückhalten möchten. Und während der Rechtsberater vorgeschoben, isoliert eine Entscheidung trifft, stehen wie eine Familie – auch wenn sie gerade unsicher und uneins ist – der Chefredakteur und seine Journalisten weit hinter ihm. Sie sind sich bewusst, dass sie das Falsche wollen, man sieht ihnen die innere Zerrissenheit an, sie streiten und diskutieren über Gesetz, die Macht der Story und über Moral. Als die Entscheidung fällt, bekreuzigt sich der Chef (ein grandios durchtriebener Bill Nighy) in einer minimal angedeuteten Geste aus Erleichterung, Zweifel und bösen Befürchtungen.
Aufgeflogen: Cal jagt der Story hinterher, doch nun will ihn ein Mörder um die Ecke bringen.
Irrsinn
Viel Zeit nahm sich 2003 die BBC-Miniserie State of Play, die mit exzellenter Schauspieler-Crew ein vielschichtig konstruiertes Skript von Paul Abbott großartig umsetzte. Doch selbst in der Serie schien die Intrige allzu ausgeklügelt, schienen die menschlichen Ver-Irrungen zu rigoros nach Plan gestaltet, um das Kontroverse überzeugend auf den unterschiedlichsten Ebenen auszuloten. State of Play bildete eine verzwickte Irrsinnswelt ab, die Presse, Politik und Wirtschaft dennoch spannend durchleuchtete und die menschlichen Dramen dahinter – wenn auch bisweilen überstrapaziert – klug einfing.
Nun hat Hollywood ein Remake gedreht, wollte auf keine Facette des 300-Minuten-Stoffs verzichten und hat ihn in ein entschlossen knappes, aber nicht stramm sitzendes 2-Stunden-Korsett gepresst. Sicherlich, gern wäre State of Play, der gleichnamige Kinofilm, ein intelligenter Politthriller in der Tradition der Watergate-Filme (Die Unbestechlichen), der in das Wespennest von korrupter Politik und so macht- wie geldgieriger Wirtschaft sticht. Stattdessen jedoch irrlichtert State of Play zwischen seinen unzähligen brisanten Themen hin und her; der Cutter hat in passionierter Sonderschicht den Film in Mini-Szenen zerlegt, sodass ein Verschwörungs-Polit-Drama-Thriller im Action-Reißer-Tempo entstanden ist.
Der Plot, komplex
Zwei Gewalttaten, die augenscheinlich nicht miteinander zusammenhängen, müssen recherchiert werden. Der Washington Globe setzt den erfahrenen Journalisten Cal McAffrey (Russell Crowe) auf eine Straßenschießerei an, bei der ein Junkie ermordet wurde. Am selben Tag stürzt die attraktive Assistentin des aufstrebenden Kongressabgeordneten Collins (Ben Affleck) vor einen Zug und stirbt. Cals junge Kollegin Della Frey (Rachel McAdams), die erst kürzlich für die Online-Redaktion des Globe eingestellt wurde, übernimmt die Story. Als jedoch offensichtlich wird, dass sich hinter dem vermeintlichen Selbstmord und der Drogen-Schießerei ein schier unvorstellbares Komplott von Macht und Gier (was sonst?) verbirgt, müssen sich Cal und Della arrangieren. Dass Collins, der Hoffnungsträger seiner Partei, ein Verhältnis mit seiner Assistentin hatte, muss er nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch seiner Frau gestehen. Und statt in der Anhörung zur Privatisierung militärischer Sicherheitsdienste ordentlich Druck zu machen, verhandelt Collins nun mit seinem sofort herbeizitierten Imageberater, um den ramponierten Ruf zu retten. Cal wittert die Story seines Lebens, doch ist er auch seit College-Tagen mit Collins befreundet und muss zudem dessen gedemütigter Frau Anne (Robin Wright Penn) Trost spenden.
Die Nerven liegen blank: zwei Freunde in Erklärungsnot.
Bilder & Gesichter
Dem Regisseur Kevin Macdonald (Der letzte König von Schottland) gelingt es eindrucksvoll, ein Hochglanz-Washington, das Zentrum der Macht einerseits ebenso in Szene zu setzen wie die trüb regnerische Stadt andererseits, die der Journalist durchwandern muss, um an den Fakten dran zu bleiben. Die stärksten Momente hat State of Play eindeutig, wenn MacDonald die Arbeitswelt der Presse abbildet, seinem Protagonisten Cal beständig mit der Kamera im Nacken sitzt, ihn bei seinen nicht immer legalen Manövern verfolgt.
In der Kürze des Films wird vor allem die grandiose Helen Mirren, die die zynische, skrupellose Chefredakteurin Cameron spielt, sträflich unterfordert. Und auch Robin Wright Penn kann sich nur redlich bemühen, die Emotionsskala der betrogenen, verletzten und doch loyalen Politikerehefrau darzustellen, die sich vor allem das Aufleben ihrer Affäre mit Cal wünscht. Ganz groß spielt Jason Bateman seine Rolle des freaky paranoiden Lebemannes Foy, der mehr weiß, als seinem Leben gut tun dürfte. Doch nicht nur die Top-Besetzung der kleineren Rollen muss sich ordentlich sputen, wenn er/sie in der Hastigkeit des Films der dargestellten Figur irgendwelche Konturen verpassen will.
Russell Crowe!
Russell Crowe, mit mächtiger Gestalt und saloppem Hippie-Haarschnitt, liefert eine bravouröse Performance. Ursprünglich sollte Brad Pitt den Journalisten Cal spielen, sagte dann aber ab. Dem Film hat es nicht geschadet, denn Crowe vollbringt eine wahre Glanzleistung. Der Zuschauer vermag förmlich in seinem Blick zu lesen: Da beschäftigen sich die vorderen Synapsen hochkonzentriert mit dem aktuellen Gegenüber, mit einem akuten Problem, während das Hinterstübchen bereits nach Alternativen, Abkürzungen und nächsten Schritten durchstöbert wird. So scheint tatsächlich die Vielschichtigkeit der Figur, ja der gesamten BBC-Vorlage kurz durch. Während Ben Affleck ganz smart den integren aalglatten Politiker Collins mimt – seine Rolle übrigens sollte eigentlich von Edward Norton dargestellt werden, und der hätte sicherlich mit winzigen Gesten und zurückgenommener Mimik wesentlich mehr aus der Collins-Figur herausspielen können. Die hübsche Rachel McAdams, die die junge, unerfahrene Bloggerin Della spielt und flugs zur rechten Hand des investigativen Journalismus wird, überzeugt durch toughe Naivität, die sie rasch ablegt.
Too much
Die Schauspieler können ihre Klasse allenfalls andeuten, der Zuschauer ist ohnehin genug beschäftigt, der gejagten, komplexen Handlung zu folgen. Gewissenlose Wirtschaft, korrupte Politik, Sensationspresse, die sich zur Rechtssprechung erhebt, seriöser Journalismus, das böse Treiben geldgieriger Zeitungsverleger, die die Print-Medien skrupellos in den Ruin treiben, bieten spannenden, vor allem aber viel Stoff für Gesellschaftskritik. Leider ein wenig zu viel. State of Play ist aber kein cineastisches Waterloo, kein ganz düster-brillanter Politthriller, aber spannendes Popcorn-Kino.
Titelangaben:State of Play. USA 2009. Regie: Kevin MacDonald. Drehbuch: Matthew Michael Carnahan.
Darstellung: Russell Crowe, Rachel McAdams, Helen Mirren, Ben Affleck, Robin Wright Penn u. a. Laufzeit: 122 Min. Sprache: D, GB, TR. DD 5.1. Studio: Universal
State of Play. GB 2003. Regie: David Yates. Drehbuch: Paul Abbott.
Darstellung: John Simm, David Morrissey, Bill Nighy, Kelly Macdonald, James McAvoy, Polly Walker u. a. Laufzeit: 300 Min. Sprache: D, GB. DD 2.0. Studio: Polyband; BBC Mitreden:| artikel weiterempfehlen| mail an den rezensenten / die redaktion
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