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Freitag, 25. Mai 2012 | 07:56

Håkan Nesser: Das zweite Leben des Herrn Roos

10.04.2010

"Besser als jetzt wird das Leben nie mehr"

Und teurer Whiskey ist bedeutend besser als billiger. Diese und andere Weisheiten über das Leben hat JUDITH HAMMER in Håkan Nessers Roman Das zweite Leben des Herrn Roos gefunden.

 

„Ist das mein Leben?“, das ist eine Frage, die in den eigenen Ohren nachklingen kann, an Jahrestagen oder in schlaflosen Nächten – für Ante Valdemar Roos, der Hauptfigur der ersten 250 Seiten von Nessers Roman, ist sie es, die ihn kurz vor seinem 60. Geburtstag plötzlich Dinge tun lässt, die er nie zuvor tat.

 

Ein zweites Leben

Herr Roos ist so durchschnittlich, dass er sich selbst kaum mehr wahrnimmt. Er hat sich in seinem schweigsamen Unsichtbarsein eingerichtet, denn nur so kann er seine Frau, seinen Job, seine Kollegen, sein ganzes gleichförmiges Leben ertragen. „Er ist ein Möbelstück“, sagt seine Frau Alice über ihn. So wäre es vielleicht weitergegangen, wenn da nicht plötzlich, am Ende eines dumpfen Wochenendes, seine Zahlenreihe im Toto gewonnen hätte.

 

Damit beginnt das zweite Leben des Herrn Roos, von dem er zuerst nicht mehr will als seine Ruhe, das aber rasant an Tempo zulegt, als Anna auftaucht. Sie ist aus einem Erziehungsheim für drogenabhängige Mädchen weggelaufen und hat ihre eigenen Probleme im Gepäck. Das ungleiche Duo nähert sich vorsichtig an, um in einer seltsamen Vater-Tochter-Beziehung zu landen.

 

Eine Heldenreise in einem alten Volvo

Das zweite Leben des Herrn Roos hat Elemente einer klassischen Heldenreise: Der Held erlebt etwas, das ihn aus dem Tritt bringt, er bricht auf, um seiner Mission zu folgen, und dann gibt es irgendwann kein Zurück mehr. Er hat eine Gefährtin an seiner Seite und entdeckt neue Kräfte in sich, mit denen er die Hindernisse auf dem Weg meistert. Soweit kann man Ante Valdemar in einer Reihe mit Mogli, Frodo und Thelma & Louise sehen. Das Besondere an dieser Reise hier ist, dass Ante Valdemar die größte Reise in seinem Innern antritt. Dies schildert Nesser mit konstanter Behutsamkeit und schmerzfreier Genauigkeit: „Etwas musste ernsthaft falsch gelaufen sein im Leben, wenn man ungefähr in seinem sechzigsten Lebensjahr keine besseren Lösungen fand, als zum Festessen zu gehen und sich dann auf der Toilette einzuschließen“, oder „Ich bin tot. (…) gibt es weniger Leben in mir als in einem Blumentopf aus Plastik“.

 

Der Kommissar stört

Auf Seite 249 hat Inspektor Barbarotti seinen Auftritt, und damit stört der Autor die beklemmende Spannung, die der Leser zusammen mit Ante und Anna spürt, als ihre Vergangenheit sich drohend bei ihr meldet, und sie all ihren Bremer-Stadtmusikanten-Mut zusammennehmen. So eindringlich breitet Håkan Nesser das Innenleben seiner Figuren aus, dass man die neue Perspektive nur widerwillig einnehmen möchte.

 

Håkan Nesser präsentiert in diesem Buch seinen Kommissar Barbarotti zum dritten Mal. Nach den großen Erfolgen der Van-Veeteren-Reihe soll der Autor angeblich genug gehabt haben vom Schreiben über eine Serienfigur, aber dann gemerkt haben, dass er einen neuen Inspektor braucht. Barbarotti hält sich hier zunächst sehr zurück, er scheint eher daran interessiert zu sein, Bibelstellen zu interpretieren, als seine Fälle zu lösen. In ihm und seiner Art, sich über das Leben Gedanken zu machen, findet Nesser einen zweiten Kanal für seine Sinn-Erkenntnisse.

 

Dieses Buch ist weniger ein Krimi als eine feinfühlige und melancholische Studie über einen Mann, der sich gegen Ende seines Lebens noch einmal aufrappelt und lieber noch einmal kurz lebendig ist, als noch lange zu leben. Das ist Valdemars Mantra, ein Vermächtnis seines Vaters an einem Herbsttag im Wald: „Schau dich um, mein Junge. Besser als jetzt wird das Leben nicht mehr.“

 

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