Chormädchen und Indianer und der Clown Frank Brown
Das Rätsel von Paris ist wie ein Abend im Varieté. Das macht diesen Detektivroman zur Ausnahmeerscheinung in der Schmuddelmoderne des literarischen Verbrechens. Von BRIGITTE HELBLING
Mit Jorge Luis Borges und Bioy Casares wurde die Detektivgeschichte salonfähig, und dem literarischen Selbstverständnis ihrer lateinamerikanischen Nachfolger ist die Aufwertung anzumerken. Einer davon ist der Argentinier Pablo de Santis, geboren 1963, von dem mit Das Rätsel von Paris nun bereits der fünfte kriminalistische Coup auf Deutsch vorliegt. Die Geschichte hebt an, erstaunlich genug, wie ein Roman von Dickens (der natürlich auch ein großer Kriminalschriftsteller war): Der Erzähler, Sigmundo Salvatrio, stellt sich dem Leser so artig vor, als wollte er um die Hand von dessen Tochter anhalten.
„Ich heiße Sigmundo Salvatrio. Mein Vater stammt aus einem kleinen Dorf nördlich von Genua. Dass er in Buenos Aires nicht unterging, verdankte er seinen Fertigkeiten als Schuhmacher. Als er meine Mutter heiratete, hatte er bereits seinen eigenen Laden …“
Heiraten will der Schustersohn nicht; sein Herz gehört der Kunst der Ermittlung. Die Gelegenheit, sich darin zu üben, erhält er, als der argentinische Meisterdetektiv Craig die Stelle eines Adlaten ausschreibt. Wir befinden uns am Ende des vorletzten Jahrhunderts, Detektive sind Gentlemen, die ihre Assistenten gerne mal die Arbeit machen lassen und dafür den Ruhm kassieren, und deren Triumphe in Fachzeitschriften für den interessierten Laien weiter ausgeschmückt werden. Diese professorale Gattung der Verbrechensaufklärer versteht einen Todesfall als Denksportaufgabe, achtet streng auf die Einhaltung von Hierarchien und würde niemals zulassen, dass ein weibliches Wesen bei der Auflösung mitwirkt. Kein Wunder, sind ihre Tage doch gezählt. Davor trifft sich die exklusive Zunft aber noch einmal in Paris, am Vorabend der Weltausstellung von 1889: Zwölf Meisterdetektive aus aller Welt, angereist mit ihren zwölf Assistenten.
Hier wird für Sie gebaut: Koechlins Turm
Eingeladen ist auch Craig, der aber erkrankt, und so fährt an seiner Stelle Sigmundo über den Ozean, im Gepäck der Spazierstock des Meisters, der gleichzeitig als Schusswaffe doppelt. So sicher, wie ein Spazierstock schießen kann, wird ihre Kugel im Laufe des Romans einen Menschen töten, und so sicher, wie die Aufmerksamkeit des Lesers auf einen gewissen Turm gelenkt wird, wird jemand von seiner Spitze stürzen. Der Turm ist das Stahlgebilde des Ingenieurs Eiffel, der kurz vor der Fertigstellung steht und den die Nachwelt, so ein Suppe essender Verleger zu seinem argentinischen Besucher, garantiert nicht „Eiffelturm“, sondern „Koechlin-Turm“ nennen werde – nach dem Schweizer Assistenten von Eiffel, der das Projekt entwickelt und durchgesetzt hatte. Diese Art von Spaß mit Anachronismen ist kein unwesentlicher Teil des Unterfangens von de Santis, der damit erfolgreich vermeidet, dass irgendjemand glauben könnte, er wolle einen „historischen Kriminalroman“ schreiben.
Denn historisch genau will dieser Roman nicht sein, ihm genügt das Ungefähre (auch, vermutet man, im Hinblick auf mögliche literarische Vorbilder für die Meisterdetektiv-Runde), und umso lieber wird dann eingefügt, was bunt und glamourös zur Auswahl steht. Auf gut 300 Seiten tauchen auf: Chorsängerinnen, Blumenmädchen, Mulatten, Japaner und Indianer, der Clown Frank Brown, der hinduistische Zauberer Kalidán, Journalisten, feine Damen und Polizeiinspekteure, eine verführerische Sängerin, ein abtrünniger Priester, ein toter Mörder, Okkultisten, Spiritisten – und das ist nur ein Bruchteil des Varieté-Gewusels, das hier sein Unwesen treibt. Wir werden gut unterhalten! Das ist im Kriminalroman nicht allzu üblich. Die beste Unterhaltung ist dann aber doch das Rätselkonstrukt, das Pablo de Santis, ein ausgefuchster Plotter, über das ganze Gebilde legt.
Die Zukunft gehört dem Assistenten
Ist das Wesen des Rätsels ein Puzzle, eine Sphinx oder ein leeres Blatt Papier?, fragt sich die Runde der Meisterdetektive in Paris, bevor einer daraus vom Eiffelturm stürzt und damit die Kombinierkunst der Übrigen herausfordert. Für den Roman selbst geht die Antwort eindeutig in Richtung Puzzle, aus Unmengen von verwirrend-bunten Teilchen entsteht am Ende ein klares, schönes Bild dessen, was hinter den Verbrechen (einer Folge von Morden) steckt. Und weil dies eine Geschichte ist, die nicht nur in Turmfragen den Triumph des Assistenten über den Meister herbeifabuliert, wird es Sigmundo sein, der der elitären Runde die Aufklärung präsentiert und damit gleichzeitig seinen Start im Gewerbe findet und das Ende des Gentleman-Ermittler-Unwesens einläutet.
Viel Ruhm und Preisgeld hat de Santis für diesen Roman im eigenen Sprachraum erhalten, und die schöne Übersetzung von Claudia Wuttke erlaubt, das Vergnügen auch auf Deutsch gut nachzuvollziehen. Wenn die Geschichte allzu ausgeputzt daherkommt, dann ist das doch auch Thema des Romans oder zumindest seiner Meister-Detektive, die sich mit Recht vor dem neuen Jahrhundert fürchten, mit seinen schmierig-präpotenten Polizeikommissaren, seinen schmuddelig-korrupten Stadtgebilden und, o Schreck, dem Aufkommen jener neuen Spezies von Verbrechen, den Serienmorden. James Ellroy, mit einem Wort. Der jene anderen genialen literarischen Puzzles zu verantworten hat – diejenigen, wo die Hälfte der Teile fehlt, der Rest bis zur Unkenntlichkeit verdreckt und nur dann ein Bild zu sehen ist, wenn man sich nicht scheut, die Stücke mit roher Gewalt ineinander zu zwängen.
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