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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 16:20

Steve Toltz: Vatermord und andere Familienvergnügen

29.05.2010

Die alltägliche Physik des Verbrechens

Man glaubt es nicht, aber der Sommer naht und es soll Menschen geben, die nicht mit zwei T-Shirts und 19,8 kg Büchern in ihren Sommerurlaub aufbrechen. All jenen sei von SABINA SCHUTTER das folgende Werk ans Herz gelegt, mit kleinen Einschränkungen.

 

Wie nennt man das? Coming-of-Age-Krimi? Jedenfalls hat Steve Toltz mit Vatermord und andere Familienvergnügen an ein Konzept angeknüpft, das nicht ganz neu aber auch nicht erfolglos ist. Mich hat es zuweilen massiv an Die alltägliche Physik des Unglücks erinnert.

 

Und noch eine Frage: Warum sind irre Väter sympathisch, während irre Mütter es weit weniger sind? Wie der Name andeutet, geht es im vorliegenden Roman um die Beziehung des Protagonisten (Jasper, zeitweise Kasper) zu seinem Vater Martin Dean (meistgehasster Mann Australiens), dessen Beziehung zu seinem Bruder Terry Dean (beliebtester Verbrecher Australiens) und deren beider Beziehung zu Caroline. Und eigentlich auch zu ihrer beider Mutter. All das fällt unter die anderen Vergnügungen, die nebst Vatermord gern zu einer umfassenden Psychose führen können. Doch zurück ins System.

 

Jaspers Geschichte beginnt im Gefängnis, wo er beschließt, die Biografie seines Vaters und mithin seine eigene zu schreiben. Martin (Jaspers Vater) ist als Kind ständig krank und der Bruder von Terry, ein kraftstrotzender Sportheld, der später der bekannteste und beliebteste Verbrecher Australiens wird. Der Verlauf dieser mehrfach gebundenen Beziehung bestimmt den ersten Teil des Buches, innerhalb dessen irgendwann auch Jasper zur Welt kommt. Ich kann eine Geschichte von 800 Seiten an dieser Stelle nicht zusammenfassen, und sie ist an sich auch völlig irrelevant, wie es häufig bei Urlaubsbüchern der Fall ist. Sie trägt durch ein Panorama des Australiens der frühen sechziger Jahre, durch Schulterror und Kinderhass. Die Beschreibungen des alltäglichen Mobbings unter Kindern ist einer der Höhepunkte des Buches, die einen schönen verregneten Urlaub perfekt machen.

 

Längen, wie Monologe des Vaters, depressive Episoden aller Beteiligten und die weit verbreitete Beziehungsunfähigkeit sind bestens geeignet, um sie via Feldstudien beim Frühstücksbuffet zu verifizieren.

 

Liebe & Tod, was sonst?

Das Buch enthält mehrere Spannungsbögen und Handlungsfäden, wie sich vielleicht auch in dieser Rezension abzeichnet, die alle sauber ihren Crescendi zugeleitet werden und dennoch nicht in Unoriginalität verebben – auch wenn es am Ende doch nur um die Liebe und den Tod geht. Unoriginalität kann man Toltz ohnehin, trotz des irgendwie bekannten Anliegens, nicht vorwerfen. Die Psychosen, Monologe, Handlungsverläufe und Literaturverweise sind allesamt einfallsreich, witzig und richtig schön formuliert. Die 800 Seiten kommen nicht durch wortreiche Landschafts- und abgeschmackte Sexbeschreibungen zustande, sondern durch feine Beobachtungen.

 

Insgesamt macht Vatermord einfach richtig Spaß, es ist gut geschrieben und ebenso übersetzt. Sei der Sommer verregnet oder nicht, konfliktiv oder harmonisch, ein Vatermord passt eigentlich immer. Und falls ein Familiengeburtstag ansteht hat man auch ein passendes Geschenk zur Hand.

 

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