William Boyd: Stars & Bars
19.06.2010
Zeichen und Wunder
William Boyd hat im Moment Konjunktur. Das war nicht immer so. SABINA SCHUTTER freut sich …
Ich war misstrauisch bei Stars & Bars von William Boyd. Neuveröffentlichungen von Frühwerken erfolgreicher Autoren und noch dazu ohne Mehrwert (Neuübersetzungen oder schöneres Papier oder irgendwas) haben den Beigeschmack der Geldmacherei. Andererseits kann ein Buch von Boyd nicht schlecht sein, oder?
Als Zeichen für einen interessanten Roman empfand ich jedenfalls, dass die Geschichte von einem Engländer handelt, der nach New York auswandert, um weniger schüchtern zu werden (dass jetzt leider jeder Sting als Ohrwurm hat, kann ich nicht verantworten – sorry).
Gerade Schüchternheit verführt ja zu erhöhtem Flirtverhalten, denn es ist leichter, sich dem Gegengeschlecht zuzuwenden, als dem eigenen. Beim Gegengeschlecht hat man ab 30 das Gefühl, sie hätten keine Wahl und müssen sich miteinander abgeben. Doch genug der Allgemeinbetrachtungen, von denen enthält Stars & Bars genügend und sie sind mitunter intelligent bis weise (ich habe mir sogar seit Langem mal wieder etwas angestrichen). Eine Übersetzung des englischen Akzents und dessen Stolpersteine im Amerikanischen ist – wie jüngst bei Frau Lehmann angemerkt – stets ein komplexes Unterfangen für den Übersetzer, so auch hier („Da sagen Sie es schon wieder so. Hlou, Hlou.“ S. 35), doch es ist nicht unelegant gelöst – mithin wäre auch eine Neuübersetzung kein Mehrwert.
William Boyd (Foto © Eamonn McCabe)
Das Leben ist banal ...
Man verliebt sich zufällig in Menschen, die etwas besitzen, was wir nicht haben. Liebe ist zufälliger als Lotto, den Richtigen gibt es nicht und wenn es ihn gibt, dann enden wir doch gemeinsam vor dem Fernseher. Gleiches gilt für Migration: Probleme können schwimmen und fliegen, auch auf Honolulu kann man depressiv sein. Das Leben ist so banal, dass wir auch einfach weitermachen können. Schön und beruhigend ist das, und das Richtige für eine lange Zugfahrt, eine Reise zu einer Hochzeit vielleicht. Man könnte in diesem Fall einige Zitate abschreiben, „Die Menschen, in die wir uns verlieben, sind oft Menschen, die wir beneiden. Heirate sie, lerne sie von allen Seiten kennen, dann lässt sich mit diesem verderblichen Ressentiment leichter leben …“ (S. 55), eine Rede halten und sich unbeliebt machen. Es soll erst einmal jemand das Gegenteil beweisen.
Henderson Dores ist Kunsthistoriker mit dem Spezialgebiet Impressionismus und wird zu einem Kunstsammler geschickt, um dessen Sammlung zu schätzen. Er landet im tiefsten Georgia und wird in eine dysfunktionale, ehemals vermögende Familie eingesaugt. Doch die Dysfunktion ist nicht das einzige Problem, ein wesentlich bedeutenderes ist es, dass der Sohn der Familie offenbar in Probleme verwickelt ist, die sich kaum ohne Gewalt lösen lassen. Daneben stürzt unser Held von einigen interkulturellen Anpassungsschwierigkeiten in verschiedene amouröse Verwicklungen. Unter anderem versucht er seine, seinerzeit auf dem College geheiratete, zwischenzeitlich geschiedene, erneut verheiratet und wieder geschiedene Jugendliebe zurückzugewinnen, ohne wirklich sicher zu sein, ob sie eigentlich mehr als eine Projektion seiner Jugend ist. Und das macht das Buch neben dem nicht spannungslosen Handlungsbogen so lesenswert. Die für William Boyd typische schmucklose Betrachtung dessen, was zwischen Menschen passiert, ist so treffend, so sicher beschrieben, dass ich ihm eigentlich nie begegnen möchte. Denn er würde die tief sitzende Armseligkeit (na ja, oder so) meiner Person mit einem Blick erkennen und, wenn ich Glück habe mit drei Worten beschreiben.
Das Buch ist ein Krimi, weil Menschen getötet, mit dem Tode bedroht, erpresst und verprügelt werden, weil die Liebe ein Verbrechen sein kann, weil Kunst zerstört wird und weil ein Roadmovie und eine einzigartige Fluchtszene durch New York vorkommt. Es lohnt sich als eiserne Reserve für den Urlaubskoffer und kann vor der Abreise im Hotelflur abgelegt werden, denn die wichtigen Dinge bleiben im Kopf.
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