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Freitag, 25. Mai 2012 | 08:02

Natsuo Kirino: Grotesk

12.06.2010

Schönheit und Freiheit

… findet SABINA SCHUTTER unwiderstehlich. Und folgt Natsuo Kirino auf der Suche danach …

 

„Die Befreiung der Schönheit aus dem ständischen Interpretationszusammenhang bildet die Voraussetzung dafür, persönliche Vorteile aus einer einnehmenden Selbstinszenierung ziehen zu können.“ (Penz, Otto, 2010. Schönheit als Praxis. Frankfurt a.M./New York. S. 13)

 

Dass es sich hierbei (teilweise) um eine vermeintliche Freiheit handelt, weist Penz in seiner sozialwissenschaftlichen Untersuchung nach. Natsuo Kirino geht der Frage nach Schönheit und Freiheit in ihrem Krimi Grotesk nach. Und das wirklich Entlarvende daran ist, dass Japan als Gesellschaft, die sowohl von rigiden gesellschaftlichen Normierungen – mithin strengen Geschlechterstereotypen – als auch von der „Freiheit“ des Marktes geprägt ist, uns den Spiegel vorhält. Im mehrfachen Sinne. Das klingt komplex und ist es auch.

 

Grotesk handelt von vier Frauen, die alle auf einer exklusiven Oberschule waren, aber nicht den finanziellen Hintergrund der anderen Schülerinnen – den Insiderinnen – hatten. Insiderinnen sind die, die sicher später nie arbeiten müssen, die Bildung nur als Weg zu einer exklusiven Ehe sehen. Das System der Schule ist von Distinktionen geprägt, von Anpassung und dem verzweifelten Bemühen derer, die nie den Oberschichtshabitus haben, dazuzugehören. Doch die Q-Oberschule ist nur Ausgangspunkt der Geschichte von Kazue, Mitsuru, Yuriko und Yurikos Schwester, die die Geschichte erzählt. Yuriko ist eine junge Frau von absurd perfekter Schönheit.

 

Diese Schönheit ist ihr Kapital, denn auch wenn die anderen Insiderinnen reich sind, schön sein wollen alle. Und Männer wollen mit schönen Frauen schlafen. So schön Yuriko ist, so unscheinbar hässlich ist ihre Schwester, so dass Yuriko zunächst Model, später Hostess und Hure wird, während die Schwester als Beamtin arbeitet. Es scheint, als sei es ein unverzeihlicher Fehler, als Prostituierte zu arbeiten, doch im Ergebnis scheitern alle Frauen an ihren Träumen und der mangelnden Umsetzbarkeit in einer rigiden Gesellschaft, seien sie Huren oder „Office-Ladys“. Auch Schönheit verleiht nur die Freiheit, sich Männer auszusuchen, und welkt die Schönheit, ist das Kapital vertan.

 

Natsuo Kirino (Foto © Makoto Watanabe) Natsuo Kirino (Foto © Makoto Watanabe)

Scharfer japanischer Stahl ...

Yuriko und Kazue werden ermordet, und den Weg zu diesem Mord beschreibt Yurikos Schwester. Mit einem scharfen japanischen Messer zieht Natsuo Kirino ihren Figuren die Haut ab, lässt sie zitternd und als feine Filets zurück, die nichts mehr haben, nicht einmal mehr den Glauben an die Regeln der Gesellschaft, in der sie leben.

 

Das ist gekonnt und beeindruckend, doch scheint mir die Geschichte als Rahmen zu konstruiert. Das Ensemble der vier Frauen, die die Schwächen und Mängel der Menschen symbolisieren, hätte auch ohne Prostitution und Mord als Geschichte ausgereicht. Oder bedarf eine düstere Geschichte über Prostitution und Mord in Japan keiner differenzierten Erzählweise? Zeitweise überkam mich bei aller Präzision ein Buch-Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, so dass ich parallel ein paar andere Romane angefangen habe. Gefühle nicht zu zeigen ist wohl ein Merkmal der japanischen Kultur, das Kirino auch für alle Beteiligten wählt, mit der Konsequenz, dass der Leser unberührt bleibt.

 

Als Sozialwissenschaftlerin bleibt mir hinzuzufügen, dass Schönheit neben der Praxis in diesem Buch eine Form von Kapital darstellt, die jedoch im Ergebnis nicht von Schichtmerkmalen befreit. Im Gegenteil – in einer patriarchalen Gesellschaft verknüpfen sich Schicht und Geschlecht und werden effektiv ausbeutet.

 

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