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Freitag, 25. Mai 2012 | 08:07

 

Julio Cortázar

27.08.2004

Im Jenseits des Realitätsprinzips

Julio Cortázar zum 90. Geburtstag

Von Wolfram Schütte

 

Von den Größen, welche Lateinamerika zwischen dem mexikanischen Rio Grande und dem argentinischen Feuerland der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts geschenkt hat, war er der Größte – nämlich ein schlanker Mann von fast 2 Metern! Aber unter den ihm vergleichbaren literarischen Größen von Borges bis Paz, von García Márquez bis Vargas Llosa é tutti quanti ist er doch bei uns der immer noch unbekannteste Autor, obwohl sein Oeuvre in vorbildlichen Übersetzungen fast vollständig, nämlich bis auf einige frühe, erst postum publizierte Romane, seit längerem bei Suhrkamp vorliegt, also auch zahlreiche Leser gefunden hat. Warum? Weil er ein Solitär ist, der seine geistigen & ästhetischen Luftwurzeln eher in der europäischen Kunst hatte, als im latinoamerikanischen Boden.

Zwar hat er – und das ist immer noch das Entréebillet zum populären Ruhm – vier Romane geschrieben: „Die Gewinner“, „Rayuela“, „Album für Manuel“ und „62/Modellbaukasten“.
Aber sie konnten nicht so populär werden wie „Hundert Jahre Einsamkeit“, „Das grüne Haus“, „Grande Sertao“ oder „Die verlorenen Spuren“, weil zumindest die meisterlichen „Rayuela“ und „62“ unübersehbar „experimenteller“ waren als in irgendeiner Weise „erzählend“, „philosophischer“ als in irgendeiner Form naiv, „metaphysischer“ als auf irgendeine Art „realistisch“.

Denn „Realismus“ war für ihn langweiliger Stumpfsinn; erst jenseits davon, wo das Ungewöhnliche, das Außerordentliche beginnt und die Gesetze der Kausalität und der Psychologie aufgehoben sind, der Traum und die Koinzidenz, das Sprach- & das Wortspiel zu bizarren & grotesken Abenteuern im Unbekannten verführen, weil die Kontinuität unseres empirischen Alltags plötzlich aufgerissen, unterkellert oder überflogen wird – erst dort hat seine Poesie ihr ausgedehntes, zerklüftetes Prosa-Revier. Ein weitläufiges Gelände, auf dem E. A. Poe und Jules Verne, Marcel Duchamp und Paul Delvaux, Dalí und Arcimboldo, Louis Aragon und Lewis Carroll , Raymond Roussel und Franz Kafka, J.L. Borges und José Lezama Lima, Charly Parker oder Thelonious Monk zuhause sind – dort, hat er sich heimisch & unter Seinesgleichen gefühlt und seinen ganz eigenen Claim literarisch abgesteckt und sein Gold geschürft.

Verständlich ist also, daß ein solcher Artist des Phantastischen und Humorist des nächtlichen Schreckens, der sich in die antirealistische ästhetische Tradition von „Schwarzer Romantik“, Dada, Surrealismus und Bebop stellte, in unserer auf „Realismus“, empirische Wahrscheinlichkeit und psychologische Stimmigkeit abonnierten literarischen und ästhetischen Kultur wie ein Fremdkörper wirken mußte – mehr noch als jene lateinamerikanischen Autoren des „Magischen Realismus“, der noch als märchenhafter Exotismus der Fremde goutiert werden konnte, während der jokose & abgründige Solitär vom La Plata, der den Leser zum Mitspieler & -Autor machen wollte, sich auf dem Felde der europäischen Avantgarde lustvoll tummelte.

Umfangreicher noch als sein Romanwerk ist die Sammlung seiner Erzählungen, mit denen er zuerst bekannt wurde und die er bis zuletzt schrieb. Es sind phantastische, groteske, humoristische und oft zutiefst beunruhigende Einbrüche des Schreckens, der Angst und des ganz Anderen ins Alltägliche, wobei „ein Minimum an Elementen in schwindelerregender Weise“ derart „potenziert“ wird (Cortázar), dass eine Osmose von vertrauter Wirklichkeit und Phantasma mit traumlogischer Konsequenz den Lesern den Boden unter den Füßen wegzieht, ohne eine beruhigenden Versicherung nachzuliefern, daß es sich dabei um Sinnestäuschungen oder Albträume handelte, aus denen man wieder im Vertrauten erwacht. Julio Cortázar hat ja nicht aus Zufall Edgar Allan Poe ins Spanische übersetzt.

Schließlich aber entzieht sich sein Oeuvre auch noch dadurch einer eindeutigen Identifikation, weil es durchwirkt wird von absurd-heiteren Zügen eines federleichten anarchistischen Humors, der sich in den phantastischen „Geschichten der Cronopien und Famen“ aufs Schönste verdichtet, aber ebenso in seinen zwischen Essay, Erzählung, Glosse und Hommage wunderbar changierenden Prosastücken, die er in dem Doppelband „Reise um den Tag in 80 Welten“ und „Letzte Runde“ versammelte – und der eben in einer erstmals mit allen Illustrationen und Bildern des Originals versehenen Ausgabe zu seinem 90. Geburtstag bei Suhrkamp erschienen ist.

Julio Cortázar ist 1984 in Paris, als französischer Staatsbürger, an Leukämie gestorben – zwei Jahre nach seiner zweiten Frau, der ebenfalls an Leukämie gestorbenen kanadischen Schriftstellerin Carol Dunlop, mit der zusammen er – bereits im Bewusstsein des Abschieds – sein letztes (& vielleicht anrührendstes, gewiss aber exzentrischstes) Buch geschrieben hat: „Die Autonauten auf der Kosmobahn“, das Tagebuch einer zweisamen Reise mit einem Caravan auf der Autobahn von Paris nach Marseille, wobei der einmal gewählte Verkehrsweg, mit Übernachtungen auf Parkplätzen und Raststätten, nicht verlassen werden durfte. Ein Lebensexperiment ganz im Sinne des französischen Freundes & „Pataphysikers“ Georges Perec, der ja einen Roman geschrieben hat, in dem der Buchstabe „e“ nicht vorkommen durfte.

Geboren wurde Julio Cortázar am 26.8. 1914 während einer Geschäftsreise seiner Eltern: in Brüssel, aufgewachsen aber ist er in Buenos Aires, wo er auch studierte, wenn er auch später als Hochschullehrer für französische und englische Literatur in der argentinischen Provinz seinen Lebensunterhalt verdiente, bis er 1946 aus Protest gegen den neugewählten Staatspräsidenten Juan Peron seine Beamtentätigkeit niederlegte, und nach dem Besuch einer Dolmetscherschule in Buenos Aires 1951 nach Paris ging, wo er bis in die Sechziger Jahre als viel reisender Konferenzdolmetscher der UNESCO arbeitete.

Seit einem Kubaaufenthalt 1962 war und blieb er Parteigänger der linken Revolutionsbewegungen in Lateinamerika (zuletzt entscheiden auf Seiten der Sandinisten in Nikaragua), was den „Mann, den alle liebten“ (García Márquez), manche Freundschaften und Sympathien kostete, ohne daß aber sein politisches Engagement sein literarisches Werk entscheidend tangiert oder gar qualitativ verändert hätte: „Auf die Gefahr hin, die Katecheten und die Verfechter einer Kunst im Dienste der Massen zu enttäuschen, bliebe ich dieses Cronopium, das zu seinem Vergnügen oder zur seiner Qual schreibt, ohne die geringste Konzession, ohne `lateinamerikanische´ oder `sozialistische´ Verpflichtungen“, schrieb er 1967 an einen kubanischen Freund.

Wolfram Schütte


Julio Cortazar: Reise um den Tag in 80 Welten. Letzte Runde.
Aus d. Span. v. Rudolf Wittkopf.
Suhrkamp 2004.
Kartoniert. In Schuber. 322 Seiten. m. zahlr. Abb. 24,90 Euro.
ISBN: 3-518-41590-5


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