Hätten sich Manuel Puig (1932/1990), der argentinische Schriftsteller, der in seinen (Dialog)-Romanen als Erzähler unsichtbar blieb, und der Kubaner Guillermo Cabrera Infante (1929/2005), der in seinem Roman mit dem zungenbrecherischen Titel „Tres tristres tigres“ die Sprache zu einem Medley karibischer Rhythmen und Tänze verführte, –: hätten sie sich je getroffen (was ich nicht weiß), dann hätten die beiden wohl über nichts anderes gesprochen, sich gegenseitig ins Wort fallend – als über das Kino. Das Kino, das dem Kubaner ein „anderer Name für das Paradies“ und dem Argentinier sein eigentlicher Daseinsgrund bedeutete, hat sie nämlich mehr gefesselt als die Literatur, die sie, erstaunlich genug, wahrscheinlich zwischen den Vorstellungen in den Kinosälen „auch noch“ geschrieben haben – wobei sie glanzvoll & erfinderisch die ästhetischen & trivialen Eigenschaften der „siebten Kunst“ in die Moderne des lateinamerikanischen Romans integrierten. Selbst unter Filmwissenschaftlern & -historikern habe ich keine besseren Kenner des Kinos seit seinen Anfängen getroffen, und schon gar keine entflammtere Liebhaber (vor allem des Melodramtischen) – als diese beiden ganz unterschiedlichen Schriftsteller: den zarten, liebenswürdig-scheuen Homosexuellen und den mit Havanna, Zigaretten & Whisky bewaffneten Macho Guillermo Cabrara Infante, den sprudelnden Sprachquell GCI.
Nur über Castro konnte er mehr in Rage kommen und sein lautes Schwärmen vom Kino, den Hollywood-Filmen und den alten Stars, die ewig jung blieben, noch übertönen. Am besten man erwähnte den „Maximo Leader“ gar nicht – mit dem er gewissermaßen persönlich 1965 gebrochen hatte, nachdem er, erst unter Castro Direktor des kubanischen Filminstituts geworden, nach Brüssel strafversetzt worden war, weil er sich gegen die literarische Zensur und Verfolgung von Kollegen gewandt hatte. Nie mehr ist er nach Kuba zurückgekehrt und hat 1979 die britische Staatsbürgerschaft angenommen.
Kürzlich, berichtet der Spiegel, soll er über das derzeitige Kuba Castros geäußert haben: „Unter der Batista-Diktatur war Kuba ein Bordell für die Amerikaner. Heute ist es ein Puff für europäische Touristen geworden“. Wenn er mit diesem Apercu wohl auch nicht Unrecht hat, so kann man sicher sein, daß er es auch (oder vielleicht sogar nur) wegen des Wortspiels in die Welt gesetzt hat.
Denn ein moralistischer Puritaner war GCI gewiß nicht, wie jeder weiß, der einmal im Bilder- & Wörterrätsel mit seinen drei „Traurigen“ durch das nächtliche Havanna der Bars, Nachtclubs und Absteigen vor der Revolution „getigert“ ist und sich im tropischen Regenwald seiner Spracheskapaden verloren hat. Immerhin sind die „Drei traurigen Tiger“ der einzige „Große Moderne Komische Roman“, das komischste Buch in spanischer Sprache nach Cervantes „Don Quichote“. Wie dieser, so ist auch GCI – was sie sonst auch noch geschrieben haben mögen – der one-Book-Author in der Weltliteratur. Aber der Kubaner hatte sich zwar darin ganz-& gar und unübertrefflich „ausgetanzt“ als Erzähler von Charakteren in grotesken Situationen im Havanna-Bordell der Amerikaner; jedoch nicht als – ja was? Essayist, Glossist, Kulturhistoriker, Satiriker, Aficionado: der Havanna.
„Holy Smoke“ nannte er, „Rauchzeichen“ hieß es treffend auf deutsch, was vielleicht als Kulturgeschichte des Tabaks im Allgemeinen und des wichtigsten Exportartikels seiner Heimat im Besonderen einmal geplant (oder nur dadurch einem Verleger schmackhaft gemacht worden) war – und ist doch geworden einer der verrücktesten, herrlichsten, abschweifendsten, kaleidoskopischsten Streif-, Kreuz- & Querzüge durch das Hunderste bis Tausendste in Cabrera Infantes Kopf & seiner Sprach-Phantasie, wie wenn man Groucho Marx um seine Übersetzung von Spinozas „Ethik“ gebeten hätte, woraus dann Lichtenbergs „Sudelbücher“ als starker Tobak kräuselnd hervorgegangen wären. Flauberts strenge misanthropische Utopie „Ein Buch über Nichts“ ist hier tropisch in herrlichstem Schall & Rauch über Gott & die Welt der Havanna aufgegangen: ein enzyklopädisch verwildertes, lachhaft-karnevaleskes „Sachbuch“.
Das große Glück des Guillermo Cabrera Infante war seine (ihn auch) berauschende Mitgift des (englischen) „wit“, mit dem Unterfutter des „pun“: Wissen, Gewitztheit, Witzigkeit – aufs Engste & „Geilste“ verbandelt und verbünde(l)t mit der kobolthaften Subversion im Wortspiel, das ja auch (leider), wenn es zu lahmen beginnt, in Kalau auf orthopädische Hilfe hofft. Mit diesem origär humoristischen Sprach-„Kapital“, das respektlos alles mit allem verbindet und verschwistert, ist er – wie kein zweiter in der karibischen Literatur Lateinamerikas – verschwenderisch (wie auch anders?) umgegangen. Er war zuletzt, um es englisch zu sagen, eher „witty“ als „funny“ – und das hat seine 2001 auf deutsch erscheinenen gesammelten Filmkritiken, die eher Leidenschaftsbekundungen und wortreiche Fanpostartikel waren, so lau & launig gemacht, um nicht (mit ihm) „kalaunig“ zu sagen.
Deshalb ist es eine üble Nachrede Vargas Llosas, wenn er behauptet CCIs „vielleicht größte Originalität bestand darin, Filmkritik zu einem neun literarischen Genre gemacht zu haben“. Nein, das könnte man eher von Bazin, Truffaut oder Godard sagen. Literarisch war Guillermo Cabrera Infante der überragende Autor der „Drei traurigen Tiger“ und der humoristische Schame des „Holy Smoke“, den er in englischer Sprache aufsteigen ließ – was seine durch keine Sprachgrenzen verminderte Affinität zum „pun“, der in der englischen Literatur von Shakespeare bis Chesteron/Shaw & Joyce so weit verbreiteten Lust am Sprachspiel offenbart.
Als deutsche Leser seiner Bücher, die alle bei Suhrkamp erschienen sind, verdanken wir unser großes jokoses Vergnügen an Guillermo Cabrera Infantes Büchern dem Spanisch-Übersetzer Wilfried Böhringer und dem Englisch-Übersetzer Joachim Kalka. Sie haben sich an GCI schier die Zähne ausgebissen, damit er uns auf deutsch seine Zähne fast genau so gut zeigen konnte, wie er sie zum Fletschen und vor allem zum Lachen auseinanderriß.
Wolfram Schütte