Hatte er seinen „Ruhm“ überlebt?
Immerhin hat aber jetzt der endlich einmal gewählte Staatspräsident von Paraguay eine dreitägige Staatstrauer angeordnet, nachdem der Schriftsteller Augusto Roa Bastos, der 45 Jahre im Exil in Argentinien und Frankreich verbracht hatte, zeitweilig die Staatsbürgerschaft seiner Heimat aberkannt worden war und erst seit 1989 wieder „zuhause“ leben konnte, im Alter von 88 Jahren in seiner Heimat gestorben ist. Drei Tage Staatstrauer für einen Schriftsteller: immerhin; und in einem Land, in dem die wenigsten seiner Einwohner lesen, und schon gar nicht ihn lesen konnten. Bravo!
Roa Bastos´ „Ruhm“: das war ein internationales Phänomen, wenngleich auch in der Internationale der aktuellen Weltliteratur nur unter Kennern der lateinamerikanischen Literatur präsent. Reden wir z.B. von Deutschland.
Obwohl Roa Bastos´ Hauptwerke, die Romane „Menschensohn“ und „ICH der Allmächtige“, 1960 bzw. 1972 erschienen waren und 1962 und 1977 auf deutsch vorlagen, ist der mestizische Exil-Paraguayaner nie so recht aus dem breiten Schatten herausgetreten, den der Boom der lateinamerikanischen, also spanisch-portugiesischsprachigen Literatur, erst in Europa und dann verspätet auch in Deutschland in den Achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geworfen hat: mit García Márquez, Borges, Asturias, Cortázar, Guimares Rosa, Carpentier, onetti, Vargas Llosa oder Fuentes – um nur einige der bekannten Größen zu nennen.
Mit welchem Giganten man es aber bei Roa Bastos zu tun hatte, wurde erst bei uns so recht erkennbar, als der Lateinamerika-Boom schon längst historisch geworden & manche seiner literarischen Helden tot waren, jedoch die grandiose Übersetzerin Elke Wehr, im Auftrag des Suhrkamp-Verlags, Roa Bastos monumentalen Diktatoren-Roman „ICH der Allmächtige“ im Jahre 2000 in ihrer Übersetzung neu vorlegte. Wie sehr die Wahrnehmungs- & Rezeptionsgeschichte ausländischer Literatur von einer Übersetzungskraft abhängt, die nachschöpferisch auf der Höhe des Originals ist, bewies diese zurecht gewürdigte Leistung Elke Wehrs.
Aber weil sich die einstige Offenheit für den überwältigenden Reichtum und die Vielfalt ästhetischer Schreibweisen in der Literatur des südlichen Amerika schon wieder auf die Dominanz des realistisch-kompakten Erzählens bei uns verengt hatte, wurde der endlich bei uns adäquat angekommene „ICH der Allmächtige“ weitgehend nur noch als historisches Zeugnis einer „klassischen Avantgarde von gestern“ rubriziert und nicht als das erkannt, was dieser Roman war & ist: Ein Meisterwerk der Weltliteratur. Seine dunkel glühende Schönheit und phantasievolle Maßlosigkeit, seine radikale Tiefe und gargantueske Sprachmächtigkeit war so dicht und exzentrisch gearbeitet, daß daneben Roa Bastos spätere Romane und Erzählungen verblassten wie der Kolumbus-Roman „Der Admiral“ (1992) oder der autobiographisch unterfütterte kleine Roman „Gegenlauf“ (1994), den der Heimkehrer „Meinem Dorf Iturbe“ gewidmet hat, wo der in der Hauptstadt Asunción geborene Autor seine Kindheit verbracht hatte.
Was ist das Außerordentliche an „ICH der Allmächtige“? In der Galerie der ein eigenes Genre bildenden lateinamerikanischen Caudillo-Romane – von Asturias, García Márquez, Carpentier bis zu jüngeren Beispielen von Eloy Martínez und Vargas Llosa – ist der große, mehrstimmige Monolog des „Allmächtigen“ die komplexeste Ausformung des Mythos neben García Márquez´ „Herbst des Patriarchen“. Während „Gabo“ im „Herbst des Patriarchen“ in sechs absatzlosen Suaden und im aufgetürmten Periodenbau seiner „unendlichen“ Satz- & Metaphernmelodien die phantasmatische Vision des monströsen Tyrannen von einem Chor beschwören läßt, der „Wir“ sagt & alle meint, die Zeugen seiner zeitlosen Präsenz waren, entwirft Augusto Roa Bastos die selbstbezogene Agonie eines intellektuellen Autokraten, in dessen Porträt die widersprüchlichen Züge des paraguayanischen Diktators J.G. Rodriguez de Francia (!766/1840) vollständig eingegangen sind, der dem Land früher als alle anderen die Unabhängigkeit von der spanischen Krone errang und Paraguay sowohl gegen Argentinien wie auch gegen Brasilien verteidigte, von der Außenwelt abriegelte, die spanische Herrschaftsschicht und die Kreolen entmachtete, dezimierte und exilierte und als „Supremo Dictador de la Republica“ während seiner 26jährigen Herrschaft keinerlei Opposition duldete. Der paranoide Francia war „einer der gebildetsten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“, um Kleists Charakterisierung Michael Kohlhaas´ zu paraphrasieren.
„ICH der Allmächtige“ war ein allmächtiges Ich, das Napoleons Spanien-Abenteuer die Unabhängigkeit verdankte, Robespierres Tugendrepublik verehrte, de Sade und Montesquieu gelesen & studiert hatte und mit einem Netz von Spionen jeden Winkel seines Herrschaftsbereichs ausspionierte, die Latifundien verstaatlichte und an die Armen verpachtete: sozusagen in vielem ein Stalinist avant la lettre – was welthistorisch umso unheimlicher ist, als wir uns (nach neuesten Forschungen) auch den mörderischen Kreml-Diktator (wie Heinrich Mann einst phantasierte) doch auch als Intellektuellen vorstellen müssen.
Hatte Roa Bastos in seinem ersten Roman „Menschensohn“ die Geschichte Paraguays nach Francia bis 1935 aus der Sicht eines scharfsinnigen Zynikers auf Seiten der herrschenden Macht dargestellt (auch dort bereits episodisch & zeitlich inkohärent), so wählt er auch in seinem „ICH der Allmächtige“ die Innenperspektive der staatlichen Macht, um den Leser einem Fegefeuer von dissonanten Ansichten, Kommentaren, Obsessionen, Rechtfertigungen & Ressentiments auszusetzen. Er konfrontiert ihn mit einem Konvolut scheindokumentarischer, fragmentarischer Äußerungen, Dialoge, Abschweifungen, Fußnoten, welche der Allmächtige seinem Sekretär Policarpo Patino diktiert, mit dem er über die Ungeheuerlichkeit einer Schmähschrift spricht, die gegen ihn und seine Allmacht im Falle seines Todes polemisiert und ihn zu einem „Ewigen Rundschreiben“ provoziert, in dem er sich und seine Taten zu rechtfertigen versucht. Ein Labyrinth von Herrschaft, Vernunft, Mord und Wahnsinn.
Augusta Roa Bastos – wie viele lateinamerikanische Autoren (Borges, Carpentier, Cortázar, Fuentes) ein poetologisch und philosophisch hochgebildeter Schriftsteller – schreibt eine enzyklopädischen Roman (wie Melvilles „Moby Dick“) und entwirft ein Kaleidoskop sprachlicher & gedanklicher Evokationen, die vergleichbar weiträumig, (sprach)spielerisch und assoziativ das tragikomische Universum des allmächtigen ICHs als solitärem Staatslenker ausschreiten – wie James Joyce den Mythos der Odyssee überschreibt. Zugleich ist dieser ebenso finstere wie hellsichtiger Roman des „Aufklärers als Diktator mit den besten Absichten“ (Willi Winkler) auch eine immer gegenwärtige, subkutane ästhetische, poetologische Reflexion über Sprache, Macht des Wortes und literarisches Demiurgentum. Dem Leser wird, was seine aufgeregte Involvierung angeht, „nichts geschenkt“ – geschenkt aber die Lesererfahrung eines literarischen Abenteuers, eines leuchtenden geistigen Funkenflugs & einer lustvollen Levitation durch Sprache, die wenig ihresgleichen hat in der zeitgenössischen Literatur.
Drei Tage Staatstrauer in Paraguay sind vollauf gerechtfertigt – genug Zeit (für deutsche Leser), um sich zumindest mit den 557 Seiten des von Elke Wehr so glanzvoll übertragenen „ICH der Allmächtige“ zu vergnügen.
Wolfram Schütte
Lesetipp:
Roa Augusto Bastos: Ich der Allmächtige.
(Originaltitel: Yo el supremo).
Aus dem Spanischen von Elke Wehr.
Suhrkamp Verlag KG April 2000
Gebundene Ausgaben. 559 S. 14,95 EUR