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Freitag, 25. Mai 2012 | 08:08

 

Sibylle Küblböck im Porträt

02.05.2005

Dem Gedächtnis Fühlung machen

Die Sprache so weit zu verdichten, bis sie eine Vielzahl simultaner Gedanken und Gefühle wiedergeben kann: Dieses Programm verfolgt die Linzer Autorin Sibylle Küblböck in ihrem Debütband Hiring. Ein Porträt der Autorin mit einem Interview zu ihrem vor kurzem erschienenen Buch.

 

Sibylle Küblböck: Ein noch unbekannter Name in der deutschsprachigen Literaturszene. Und eigentlich war die Literatur auch nicht ihre bevorzugte Ausdrucksform. Begonnen hatte die 1963 in Schwanenstadt/Oberösterreich geborene Autorin nämlich als bildende Künstlerin. Sie studierte zunächst an der Kunstakademie Linz. Ihre Bilder und Objekte wurden in mehreren Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen im In- und Ausland gezeigt.

2000 begann Sibylle Küblböck damit, kurze Prosatexte zu schreiben, die als Basis für ihre künstlerischen Projekte dienten. Doch dann entdeckte sie, dass diese Texte auch sehr gut für sich allein stehen können, da sie als komprimierte Gefühlsskizzen den Kern ihrer Arbeit enthalten. In der Folge entstanden immer mehr Texte, die sie nicht mehr in Kunstwerke umsetzte. Hiring, das literarische Debüt von Sibylle Küblböck, enthält eine Mischung aus beiden Gruppen: Darin finden sich sowohl Texte, die Ausgangspunkt bildnerischer Arbeiten waren, als auch eigenständige Sprachkunstwerke.

Jenseits des Vertrauten

Selten kommt es vor, dass eine Autorin gleich in ihrem ersten Buch zu einer ganz eigenen Sprache findet. Meist lassen sich Vorbilder erkennen, die als Stützen für die ersten literarischen Gehversuche dienen. Anders bei Sibylle Küblböck: Bei ihr sind nicht nur keine Anklänge an bekannte Stimmen zu hören, auch alle Versuche einer Einordnung ihrer Texte in gängige Kategorien schlagen fehl. Ihre reduzierte und fragmentarische Prosa steht in sprachlicher Dichte, Druckbild und Subjektivität eher der Lyrik nahe.

Der abschließende Einakter des Buchs mit seinen 15 Sprechern, die alle die Bezeichnung „Ich“ samt der laufenden Nummer tragen, verwendet die Form eines Dramas nur, um damit eine aufgefächerte Persönlichkeitsstudie in Szene zu setzten. Der Titel „ICH 15. Personalie.“ gibt zwar inhaltlich eine deutliche Richtung vor, aber das folgende Sprachgebilde erscheint dadurch nicht weniger enigmatisch. Um einen kleinen Einblick in Entstehung dieses eigenwilligen Sprachkosmos zu bekommen, haben wir der Autorin einige Fragen gestellt.


Titel: Das in Ihren Texten wohl am häufigsten vorkommende Wort ist „Ich“. Es taucht in Titeln wie „Ichraum“, „Ichbord“ oder „ICH 15. Personalie“ auf oder findet sich gleich in den ersten Zeilen eines Texts. Ist Schreiben für Sie ein Mittel der individuellen Selbsterkenntnis oder geht es Ihnen in Ihren Texten um allgemeine, grundsätzliche Faktoren der Individualität?
Sibylle Küblböck: Das Ich steht für mich. Es geht in den Texten um das Ausloten und um den Versuch, Gedanken zu Gefühlen werden zu lassen, und diese wieder in Sprache zu übersetzen.

Als sentimental oder gefühlig würde man Ihre Texte wohl kaum bezeichnen. Vielmehr fällt auf, dass Sie darin eine ganz eigene Ausdrucksform entwickelt haben. Warum ist für die eigenen Gefühle auch eine eigene Sprache notwendig

Weil Gefühle – jedenfalls nicht meine – mit dieser Sprache nicht auskommen. Sie sind viel eigenartiger. Eben so, wie ich sie beschreibe. Wenn ich überlege, wie sich etwas durch mich anfühlt, dann kommt immer eine sehr bizarre (Sprach)form aus mir heraus.

Sind Gefühle kommunizierbar oder ist das überhaupt relevant für Sie?

Generell kann ich die Frage gar nicht beantworten. Es geht mir darum, das einzige Wort zu finden, dass der gedachten Verfassung entspricht. Ich denke, dass meine Texte zuerst einmal Aufzeichnungen von mir an mich sind. Das heißt, ich halte fest, was ich fühle und versuche, dies zu notieren. Es hat dies reflektorischen Charakter und dann auch den Anspruch einer eigenen Wahrheit (im Sinn von Wahrnehmung). Und da es mir um mich als „Filter des Wahrgenommenen“ geht, bin ich halt auch in allen Texten mit drin. Die Bezeichnung „Gefühl“ ist im Sinn von „... wie fühlt sich alles an? Wie fühlt sich das mich Umgebende durch mich an?“ gemeint.

Ihre Texte fügen sich nicht in irgendwelche Schemata ein. Sie sind weder erzählend noch beschreibend im herkömmlichen Sinn und auch nicht auf der Basis des Wortmaterials konstruiert. Liegt ihnen trotzdem eine allgemeine Denkfigur zugrunde?

Es gibt keine sprachliche Konstruktion in den Texten, weil diese nicht mit Sprache als Sprache arbeiten, sondern „Gefühlscodes“ in Form von Sprache sind. Es ist geht mir in den Ichbeschreibungen sehr oft um mich im Kontext mit „Allem“. Dieses „alles“ bezieht sich auf ein „wie viel bin ich zu denken imstande...“ oder „... wie viel kann ich gleichzeitig denken“. „Alles“ hat im erweiterten Sinn auch mit Natur und dem Fühlen- Können von Natur (der eigenen Natur und allen anderen) zu tun.

Die Darstellung von „Allem“ geht bei Ihnen mit einer sprachlichen Reduktion einher, mit Satzfragmenten oder Schwundstufen einzelner Wörter. Wie verhält sich Ihre konzentrierte Sprache zu diesem „Alles“?

Ich versuche, möglichst konkrete, oft komprimierte Sätze für dieses „Alles“ zu finden. Es ist der Versuch, alles „Denkmögliche“ gleichzeitig durch mich fließen zu lassen, und dies dann so kurz wie möglich zu sagen... Es ist auch der Versuch, diese Gedanken immer mehr zu komprimieren, bis nichts mehr übrig bleibt. Diese Entmaterialisierungsgedanken sind in Sätzen vorhanden, die nicht vollständig sind. Wie etwa in „Kunft 2003“: „Aus ist nicht weil es wie es aussieht.“

Wofür steht „Hiring“, der Titel Ihres Buches?

„Hiring“ ist das Wort, dass dieses „Alles“ am besten zusammenfasst. Es war aber schon lange klar, dass, sollte ich je ein Buch veröffentlichen können, es diesen Titel tragen würde.

Und warum taucht das Wort „Hiring“ in keinem Ihrer Texte auf?

„Hiring“ ist der Titel eines Textes, der erst nach dem Buch entstanden ist. Dieses Wort könnte auch als Stellvertreter für alle meine Texte stehen; ich hätte aber dann leider kein Buch, und vor allem nichts mehr zu denken. Hier ist die klare Schnittstelle. Es geht mir nicht um die allerletzte mögliche Reduktion von Text in Form von Auflösung. Es geht mir um die Reduktion meiner Texte in Varianten.

Hochkonzentrierte Gefühlscodes

Die von Sibylle Küblböck beschriebene Reduktion findet auf mehreren Ebenen statt: ihre Prosatexte sind sehr kurz, nie länger als anderthalb Seiten. Einzelne Absätze können auch mal aus nur einem Wort bestehen. Sätze werden beschnitten („Umzug als Wanderung kundet“) und Wörter zusammengestaucht („raschnell“). Auch das Vokabular ist begrenzt, wirkt zuweilen sperrig bis ungeschliffen. Die häufig titelgebenden Komposita schaffen ungewohnte Verbindungen wie „Süßstrumpf“, „Allwuchs“ oder „Wartewerte“, die wie eine Komprimierung vielschichtiger Zusammenhänge in einem Wort wirken.

Sibylle Küblböck folgt dabei keinem literarischen Schönheitsideal, sondern sie versucht, die Sprache sich selbst auf den Leib zu schreiben. Und aus dieser individuellen Aneignung entwächst das Neue, das noch nicht Gehörte. Nicht aus handwerklicher Perfektionierung, wie bei eingängigeren Produkten des Literaturbetriebs. So vermitteln Sibylle Küblböcks Texte, bei aller sprachlichen Konzentration, immer auch den Eindruck des Skizzenhaften, wie es auch im Motto von „Hiring“ angedeutet wird: „Fleischzentrifuge / gedrechselt für schnelle Ideen / rasch erreichbares Material / mit dem Herzen auf den Schultern geladen / abgewartet.“

Aus der Umsetzung von Gedanken in Gefühle und in Sprache entstehen Texte, die eigentümlich zwischen Abstraktem und Konkretem oszillieren. Manchmal meint man, ferne Echos wahrzunehmen, etwa eines heideggerschen Existenzialismus’ („Sein, Sein, dazwischen ein Totsein, weiter gehen mit Sein“). Aber Sibylle Küblböck wahrt die Distanz zu anderen Autoren wie zum Diskursiven überhaupt, bricht das Abstrakte immer wieder durch sinnlich Erfahrbares („Heißgekautes Gras reibt mein Mundinnen“).

Zuweilen findet man recht deutliche Passagen wie in dem Text „Weltkanten“ („Verkorkster Saft schüttet sich in enge lose Fleischrohre zu pünktlichem Höhepunkt. / Ich habe das Gebräu vom Trieb bestellt, erhalten und zu dem gemacht, was aus mir wird.“), dann aber auch wieder rätselhafte Sätze wie: „Oben wie durch Mehrung später ist zeige ich Hände aus der Deutung.“ Diese Verknüpfung von Rationalem und Emotionalem, von Explizitem und nur Erahnbarem auf engstem Raum macht den Reiz dieser Texte aus, die sich einer eindeutigen Bestimmbarkeit entziehen. Und dadurch immer wieder neugierig machen auf weitere Entdeckungen in diesen Verdichtungen von Gedanken und Gefühlen.

Carsten Schwedes


Sibylle Küblböck: Hiring
edition linz, 2005
Gebunden, 72 S. 10,00 ¤
ISBN: 3-85252-626-4

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