Unter den lateinamerikanischen Autoren, die bei uns im Lauf der letzten Jahrzehnte bekannt und mit wechselnden Präferenzen geschätzt wurden, ist der 1923 in Bogotá geborene, als Diplomatensohn in Brüssel aufgewachsene und seit 1956 in Mexiko lebende Àlvaro Mutis stiefmütterlich behandelt worden. Das lag an vielem: zum einen ist er in der spanischsprachigen Welt vor allem als Lyriker bekannt geworden, und zum anderen hat er erst 1986, als Dreiundsechzigjähriger (ähnlich „spät“ wie bei uns der Erzähler Fontane), den Reigen seiner schmalen Romane mit „Der Schnee des Admirals“ eröffnet, die alle näher oder ferner um die Lebens- & Liebesabenteuer des melancholischen Einzelgängers „Maqroll der Gaviero“ kreisen und 1993 mit dem siebten Band „Triptychon von Wasser und Land“ (vorerst) abgeschlossen wurden. Zuerst hatte sich der kleine, bald eingegangene Elster-Verlag um Mutis´ Romane bei uns gekümmert, später hat Suhrkamp das Engagement fortgesetzt. Aber die deutsche Kritik und die Leser sind nicht so recht schlau geworden aus den Büchern des Freundes von Gabriel García Márquez.
Jetzt hat der Zürcher Unionsverlag die fünf bereits übersetzt vorliegenden Romane Àlvaro Mutis´ um zwei bislang ignorierte ergänzt und die sieben „Abenteuer und Irrfahrten des Gaviero Maqroll“ unter eben diesem Titel in einem 830 (!) Seiten starken Band, der trotz seiner Dicke gut lesbar ist und wie ein schweres, rundes Geschenk mit gleich zwei Lesebändchen in der Hand liegt, deutschen Lesern des mittlerweile 85jährigen Autors als Summa eines Erzählerlebens vor Augen gelegt. Hoffentlich greifen sie nun endlich zu – es ist nämlich eines der letzten & schönsten (und dabei auch noch preiswertesten) Leseabenteuer der lateinamerikanischen Literatur.
Wer den „unübertrefflichen“ Joseph Conrad liebt, wird aber Álvaro Mutis auch schätzen; denn manchmal sind sich der englisch schreibende polnische „Tragiker des Westens“ und der grenzenlos melancholische Pessimist des menschlichen Scheiterns fast zum Verwechseln nahe – wie z.B. in jenem Hymnus auf das Orinoko-Delta, in der nur zwei Vokabeln die historische Distanz zwischen den beiden markieren: „Es gibt wenig Wonnen, die sich damit vergleichen lassen, die Klimaanlage abzuschalten, sich auf dem Bett auszustrecken, von einem etwas zeremoniell und majestätisch wirkenden Tüllzelt gegen die Mücken geschützt, und die Nacht in ihren Düften hereinzulassen, die auf Wellen einer feuchten, liebkosenden, fast geschlechtlichen Hitze daherziehen“. Die gleiche Beschwörung des tropischen Zaubers – aber eine Klimaanlage gab es zur Zeit Conrads noch nicht, und der spät-viktorianische Puritaner hätte sich gehütet, von „geschlechtlicher Hitze“ zu sprechen, auch dort, wo er sie gemeint hätte.
Odysseus ohne Ithaka
Wenn man in Conrads Erzähler Marlow dessen alter ego sehen kann, so auch in Mutis´ Maqroll das Phantasma eines ort- & identitätslosen seismografischen Helden, der seinen Spitznamen „Gaviero“ dem nautischen Ausdruck für den Mann im Mastkorb verdankt, der früher, vor der Radar-Zeit, Ausschau hielt und in die Weite des Meeres blickte. Dabei überblickt Maqroll gar nichts – am wenigsten die Mäander seiner riskanten, tragischen Abenteuer und seiner oft vergeblichen Handelsgeschäfte auf Meeren und Flüssen zwischen Helsinki und Ciudad Bolivar.
Der alterslose Seefahrer, ein Odysseus ohne Ithaka, ist ebenso lebenssatt & welterfahren wie lebensmüde bei seinen geschäftlichen Unternehmen, die nicht immer ganz „seriös“ sind – ein womöglich „orientalischer“ Fatalist zwischen allen Fronten. Er entkommt auf seinen riskanten „Irrfahrten“ zumeist dem absehbaren Tod nicht durch pikareske Gewitztheit & Wendigkeit, sondern durch glücklichen Zufall oder aufgrund des „Erbarmens der Götter, wenn es denn so etwas gibt“ – oder: weil ihn sein Schöpfer aufs Neue ins Weite schicken will. Das ist aber, so weltweit er auch herumkommt (und da prunkt Álvaro Mutis mit Städten und Ländern & allen Details eines Kundigen wie unser Karl May), doch am Intensivsten in Südamerika. Dort pulsiert Mutis´ literarische Welt der Gestrandeten, Irren, Huren & Sonderlinge in karibischen Hafenstädten, auf gefährlichen Urwald-Flüssen, im Dschungel diesseits und jenseits der Anden.
Nun darf man sich Maqroll, diesen „Fliegenden Holländer“, der wohl den mythischen phönizischen Seefahrern nachgebildet ist, deshalb einen zypriotischen Pass hat und dessen engster Freund der Libanese Abdul Bashur ist, nicht als einen rabaukenhaften, instinktstarken Tatmenschen vorstellen, der den Kampf mit der widerständischen Welt immer aufs Neue aufnimmt und doch wie Sisyphus immer wieder von vorne beginnen muß, oder gar wie einen der Film-Helden Werner Herzogs, die im „titanischen“ Scheitern ihre tragische menschliche Würde gewinnen oder bewahren
Abenteuerromane im 20. Jahrhundert
Würde, Aufrichtigkeit, Großherzigkeit, Freundschaft und Liebe (zu den ihm immer wieder schnell zufliegenden „schönsten“, leidenschaftlichsten und selbstbewußten Frauen) sind zwar die moralischen Grundfesten, auf denen Mutis´ solitärer Held steht, so schwankend der versumpfte, heiße, abgründige Boden Wasser auch sein mag, auf dem sich der Abenteurer bewegt oder in die Schluchten des gefährlichen Lebens blickt.
Auf dieser erzählerischen Ebene schließen die Romane Mutis´ aufs Erstaunlichste & Einfachste an die Grundbefindlichkeiten und die Rhetorik der exotischen Abenteuerromane und Reiseberichte des Neunzehnten Jahrhunderts an, deren Pathos & Suspense, Geheimnis und Gewalt in seinen Büchern noch einmal aufglimmend im Zwanzigsten Jahrhundert mit sinnlicher Verve nachglühen und bei manchen Lesern gewiß die aus Jugendlektüren Conrads, Dumas´, Stevensons, Gerstäckers oder Karl Mays etc. noch vorhandenen Sehnsüchte nach dem Fremden, Gefährlichen, Rätselhaften wieder anfachen und Maqrolls wunderbare Reisen erleuchten. Mutis, ein schwerblütiger „Beschwörer des Imperfekt“ (Th. Mann), kann die Szenarien des Exotischen, durch die sein Held wie auch dessen Gefährten und Gefährtinnen streifen oder in denen sie zugrunde gehen, aus dem überlieferten Grundbestand der literarischen, filmischen und malerischen Genres ab- & herbeirufen. Die Topoi sind also bekannt und werden mit Freude & Verlangen von seinen Lesern als Vertraute aus schon einmal geträumten Abenteuern begrüßt.
Ebenso geläufig und „erprobt“ sind die kunstvollen Verschränkungen des Erzählens, mit dem uns Mutis unter Spannung setzt, so daß wir seinem soghaft-kreisenden Erzählen zuhören und uns erst nach und nach, eingefangen von den motivischen Vernetzungen zwischen den höchst unterschiedlich gestalteten Romanen mit ihren wuchernden Geschichten und Ereignissen in den literarischen Mythos des Gaviero Maqroll einlesen und intime Teilnehmer an seinen „Abenteuern und Irrfahrten“ werden.
Aber der Mutissche Held wäre nicht das Alter ego seines literarischen Schöpfers, wenn der Geschäfts- & Handelsreisende nicht auch (oder gar vor allem) ein nicht allein hoch-, sondern sogar exquisit gebildeter Leser & Intellektueller wäre, der z.B. auf seiner Flußreise in den kolumbianischen Urwald von einem Buch über eine mörderische Verschwörung am Französischen Hof begleitet wird oder am Rio de la Plata „Das Leben Franz von Assisi“ liest und gar beim Anblick des maroden Tramp Steamers und dessen „beschwerlicher Fahrt“ den Orinoko hinauf an die „Ergebenheit eines Ochsen aus dem Latium in Vergils Geogica“ denkt.
Ein prunkender Zug zum „Feinsinnigen“
Es gibt bei Mutis einen unverkennbaren Zug zum „Feinsinnigen“, das ist nicht zu übersehen, und eine manchmal denn doch zu demonstrative Betonung der (natürlich bewundernswerten) Belesenheit des Autors, die wie bei nicht wenigen lateinamerikanischen Autoren auch bei diesem lyrisch-evokativen Erzähler der Melancholie des lebenslangen Scheiterns, einer nur vorübergehend durch den Rausch erotischen Erlebens durchbrochenen Einsamkeit und transzendentalen Heimatlosigkeit des Heldens, als „Begleitmusik“ präsent ist. Andeutungsweise könnte man, ihm gleich metaphorisch, über Mutis Romane sagen, sie erschienen einem manchmal, als habe der Polyhistor Octavio Paz die Romanwelt Joseph Conrads mit seinen ausgreifenden literarischen Assoziationen durchwirkt. Ich will damit sagen: Álvaro Mutis´ Romane sind, so fulminant ihre sinnliche Evokationskraft individuelles Erlebnis suggeriert, durch und durch Kunstfigurationen seiner Vorstellungskraft und Phantasie. In diesem Spannungsfeld von sinnlich beschworener Exotik & Erotik und intellektueller Kombinatorik hat das eigenwillige, phantastische erzählerische Oeuvre Álvaro Mutis seinen spezifischen Ort: solitär und hochherzig – wie sein Gaviero Maqroll.
Wolfram Schütte
Álvaro Mutis: Die Abenteuer und Irrfahrten des Gaviero Maqroll.
Sieben Romane in einem band.
Aus dem Spanischen von Katharina Posada und Peter Schwaar.
Unionsverlag, Zürich 2005.
Leinen, in Schmuckschuber. 832 Seiten, 39.90 ¤
ISBN:3-293-00343-5