Nachruf auf Danièle Huillet
11.10.2006
Straubs Alterego
Eine Erinnerung an Danièle Huillet
Wenn sie einen Brief oder eine Postkarte unterzeichnete, setzte sie hinter ihr “Danièle” ein Sternchen: Danièle*.
Es war im strengen Ernst, mit dem sie das Leben nahmen, etwas Verspieltes. Sie konnte auch lachen, fast mädchenhaft. Ohnehin lächelte sie oft: beim Sprechen wie beim Zuhören.
Ihre Liebe gehörte (außer Jean-Marie, dessen Schatten sie lange bloß schien, in Wirklichkeit aber immer sein alter ego war - wie er ihres: und sie beide Eines) - ihre Liebe gehörte allen Mitarbeitern, die sie beide zu Mitverschworenen ihrer Projekte machten; und dann den Tieren, vornehmlich zugelaufenen, aufgelesenen, von ihr mit Leckerbissen versorgten Hunden & Katzen, die sie (versteht sich: illegal) auf ihre Reisen zwischen Rom und Paris im Auto mitnahmen. Sie konnte sie ja nicht, zumindest nicht alle, dem “Schicksal“ der “Überflüssigen“ überlassen, in das sie tätig eingegriffen hatten.
Wahrscheinlich waren die Menschen für Danièle* die gefährlicheren Tiere. Sie selbst & Jean-Marie (Straub) lebten nur vom Notwendigsten. Was sie “verdienten”, floss abzüglich der bescheidenen “Unkosten” ihres asketischen Lebens wieder in ihre mehr als zwei Dutzend Filme, die sie mit einer unermesslichen Ausdauer, Zähigkeit und mit tollkühnem Mut der Welt abgetrotzt, entrissen & in sie infiltriert haben. Diese Filme sind ihre gemeinsame Lebensarbeit, die sie an den Rändern einer auf materiellen Profit orientierten Industrie und jenseits von ihr, mithilfe weniger Freunde, dennoch in 45 Jahren realisieren konnten. Von Anfang an, seit “Machorka-Muff“ 1962 bis eben zuletzt “Quei loro incontri“ (der auf der diesjährigen Mostra in Venedig lief), waren es Filme gegen den Weltzustand: politisch, moralisch, ästhetisch; äußerste Herausforderungen des Sehens, Hörens & Verstehens sowohl für die Kritik wie das Publikum.
“Nicht versöhnt” nannten sie ihre für den gutmütigen Heinrich Böll haarsträubende Adaption von dessen deutschen Drei-Generationen-Roman “Billard um halbzehn” (1965): der Titel war & blieb Fanal und Impetus aller ihrer beider untrennbar mit diesem einzigartigen Paar verschmolzenen cinematografischen Angriffe, Widerstandsakte, Erinnerungsarbeiten und Hommagen.
Die beiden gebürtigen Franzosen gehörten damit zur Avantgarde des “Neuen deutschen Films”, in dem sie aber (wie in der ganzen Szene des europäischen Films) doch immer radikale Außenseiter blieben: angefeindet & verfeindet, allenfalls aufgrund der Identität von rigidem Leben & Werk: respektiert. Nur eine kurze Zeit nach diesen Anfängen - zwischen “Der Chronik der Anna Magdalena Bach” (1967) und der Adaption der unvollendeten Schönberg-Oper “Moses und Aron” (1974) - fand ihr immer umstrittenes Oeuvre auch internationale Anerkennung; der Bach-Film war sogar im damaligen Westdeutschland ein Kino-Erfolg!
Aber danach immer öfter - als sie hauptsächlich in Rom lebten und mit ihrem ebenso oft destruierenden wie werkgetreuem Adaptionskino nach Corneille, Brecht & Kafka sich mehrfach Hölderlins Dramen und Vittorinis & Paveses Romanen zuwandten - fristete ihr anstößig-asketisches Kino (mehr noch als das lyrisch-essayistische Spätwerk Godards) allein noch eine vom Publikum gar nicht mehr und von der internationalen & erst recht deutschen Filmkritik kaum noch wahrgenommene Randexistenz auf Festivals, bei Retrospektiven oder in Spätsendungen des Fernsehens - in einem Jenseits aller kontroversen Kommunikation & Auseinandersetzung, in dem sie zwar anwesend, aber nicht mehr angesehen wurden und waren: gewissermaßen als “Außerirdische“, die allein & zu zweit gegen allen nur möglichen Kinozauber angetreten waren und “von denen im Lichte“ noch nicht einmal mehr “im Dunkel” als häretisches Antidot erkannt wurden.
Kann man den Schmerz der Zurückweisung ahnen, in dem Danièle & Jean-Marie Straub in den letzten Jahrzehnten gelebt haben? Verbittert wurden?
“Wohin Ihr? - Nirgendhin - Von wem davon? - Von allen” (Brecht).
Danièle Huillet ist jetzt nahe Paris im Alter von 70 Jahren gestorben.
Wolfram Schütte