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Freitag, 25. Mai 2012 | 08:11

 

Wolf Biermann wird 70

15.11.2006

Verlust ist unser Hauptgewinn

Zum 70. Geburtstag des Lyrikers und Liedermachers Wolf Biermann am 15. November

 

"Dass Biermann ein echter und gebürtiger Hamburger ist, wissen viel zu wenige", erklärte Hamburgs Kultursenatorin Karin von Welck Anfang des Monats, als sie auf einer Pressekonferenz das umfangreiche "Geburtstagsprogramm" für den Lyriker und Liedermacher vorstellte.
"Im Osten war ich Drachentöter / Im Westen Wolf - doch niemals Köter / hing nie an keiner Kette fest. Ich brach mit blutigen Genossen / Die Gift mir in die Seele gossen / schrie all das aus und sang und schwieg / Im allerbesten Sinn Verräter / Nicht Opfer, lieber bin ich Täter", heißt es in Wolf Biermanns Lied "Adieu Berlin". Diese Verse beschreiben Biermanns Credo treffend - immer der unangepasste Querdenker, der kritische, bisweilen boshafte Mahner, für den die geistige Freiheit das höchste Gut war und ist.

Vor 30 Jahren (exakt am 16. November 1976) bescherte Biermann der DDR eine echte Zerreißprobe. Die SED-Führung hatte während seiner Tournee durch die Bundesrepublik die Ausbürgerung publik gemacht. In selten erlebter Einigkeit gab es bereits einen Tag später eine öffentliche Protestnote, die von zahlreichen DDR-Intellektuellen und Künstlern (von Stephan Hermlin, über Stefan Heym bis Manfred Krug) unterzeichnet wurde. Ein Massenexodus setzte ein.

Bereits 1965 war ein Auftritts- und Publikationsverbot gegen ihn erlassen worden, weil er in der "Ballade auf den Dichter Francois Villon" das Parteiorgan "Neues Deutschland" und Margot Honecker verunglimpft hatte, so die Darstellung der SED-Führung. "Das Politbüro geriet unfreiwillig zu meiner PR-Agentur", befindet Biermann im Rückblick.
Wolf Biermann, der am 15. November 1936 in Hamburg als Sohn eines im KZ ermordeten jüdischen Kommunisten geboren wurde, siedelte 1953 in die DDR über, wo er in Berlin Politische Ökonomie, Philosophie und Mathematik studierte. Schon als Kind trug er den Spitznamen "der kleine Sänger", weil "man mich schon damals eher darum bitten musste, nicht zu singen." Anfang der 60er Jahre hatte Biermann - gefördert von Hanns Eisler - begonnen, Gedichte und Liedtexte zu schreiben, deutlich beeinflusst von der Lyrik Brechts. Als Biermann 1976 in den Westen zwangsübersiedelte, reagierte die Medienöffentlichkeit zunächst mit einigem Unverständnis, denn er spielte nicht die von ihm erwartete Rolle des "Berufsdissidenten", der "öffentlich seine Ostwunden leckte".

In seinem tiefsten Innern ist Wolf Biermann latent immer Sozialist geblieben - zumindest bis zum Mauerfall vor 17 Jahren. Danach zerstritt sich der Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 1991 öffentlich mit den beiden Altmeistern der DDR-Literatur Stephan Hermlin und Stefan Heym (den er als "aufsässigen Feigling" bezeichnete), er entlarvte den Lyriker Sascha Anderson als "Stasi-Spitzel" und wurde seinerseits 1994 vom österreichischen Bildhauer Alfred Hrdlicka als "Arschkriecher" und "Trottel" bezeichnet.
Wolf Biermann polarisierte stets mit Leidenschaft, und an seiner Person und seinem Werk schieden sich immer die kritischen Geister. So auch 1998, als Biermanns langjährige Lebensgefährtin, die Schauspielerin und Sängerin Eva-Maria Hagen ihre Memoiren unter dem Titel "Eva und der Wolf" vorgelegt hatte.

Pünktlich zum runden Geburtstag ist der neue Lyrikband "Heimat" erschienen. Im Gedicht "Mich wundert" heißt es an einer Stelle: "Ich weiß ja: Unrecht ist uralt/ Verlust ist unser Hauptgewinn/ Und doch läßt mich kein Elend kalt/ Mich wundert, daß ich so zornig bin." Der Wolf (Biermann) zeigt immer noch gern seine Zähne.

Peter Mohr


Wolf Biermann: Heimat. Neue Gedichte. Hoffmann und Campe Verlag, 175 Seiten, 17,95 Euro (SFR 31,90)

Veranstaltungs- und TV-Tipps:

Zusammen mit Ulrich Tukur singt und liest Biermann am 17. November im St. Pauli-Theater seine Lieder und Gedichte über Hamburg

"Wolf Biermann - Hunger nach Heimat." Ein Portrait. 18. November im NDR Fernsehen (ab 23.25 Uhr)

Gemeinsam mit dem Verlag Hoffmann & Campe ehrt der NDR Biermann außerdem mit einer live im NDR Fernsehen übertragenen Matinee am 19. November um 11 Uhr.

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