Sven Michaelsen: Starschnitte
18.01.2007
Hundekuchen und andere Schwierigkeiten
“Als Fahrradkurier hätte ich die gleichen Probleme.” Robbie Williams
Man mag es nicht recht glauben, was Robbie Williams da bekennt. Oder Thomas Gottschalk, der vorgibt, beim Kartoffelnschälen nicht anders als im Fernsehen zu sein. Dazu die Masse der Segelohren und Pickel bei den heute so reichen und schönen Berühmtheiten.
Ottilie und Otto Normalverbraucher sind fassungslos, so sieht sie also aus, die vielgerühmte Welt der Stars. Im Grunde nicht viel anders als bei Normalos, vielleicht wird weniger gefuttert und ferngesehen, dafür hat man dann mehr Zeit für Sex. Da ist gar mancher schlimm vom Trieb besessen und leidet daran, nicht nur der geständige Rolf Zacher. Doch kaum schaut man hinter die Kulissen, ist man doch wieder versöhnt.
So schön, wie man sich das Leben mit all diesen Starletts und Models vorstellen mag, ist es gar nicht. Ob Schauspieler oder Schriftsteller, alle müssen sich viel quälen, sind von beengenden Auren umgeben (Josef Bierbichler) oder fürchten sich vor einer Liebesszene mit Miss Marple (Michael Caine). Und dann diese ständigen Sorgen der Celebrities um den jeweiligen Coolheitsgrad. Ja, es scheint schon eine ziemliche Maloche sein, in Deutschland den Star zu geben (Til Schweiger).
“Starschnitte” sind die zusammengefaßten Antworten von Interviews, die der Journalist Sven Michaelsen mit den “Leit- und Streitfiguren” unserer Zeit für Neon, Biografie, Park Avenue und den Stern führte. Alles was Rang und Namen hat im Kultur- und Showbetrieb, buntgemischt von Minetti bis Miller, von Schwarzenegger bis Schlingensief, gibt Auskunft über Hirnwut und Größenwahn, Schreibblockaden und andere Nebeneffekte des Berühmtseins. Saftige Selbstananalysen “Na ja, ich hatte vielleicht mit 200 oder 300 Frauen Sex”(Hans Moser), wechseln sich ab mit dramatischen Ansichten “Ich kam mir wie ein Heiligtum vor, viel zu schade für Nachkriegsdeutschland” (Karl Lagerfeld) und klugen Einsichten, wie “Man ist Mensch und macht vieles falsch”(Herbert Grönemeyer).
“Das Prinzip Prominenz”, hochgekocht von den Medien, umgerührt von einem erwartungsvollen Publikum, wirft immer neue Blasen. Was kann man daraus lernen, wie sich die Menschen des öffentlichen Interesses die Welt erklären? Was ist so spannend an ihrer Weltsicht, vor allem für die, die vielleicht eher im Schatten stehen? Salman Rushdie, der seine Popularität neben der Schriftstellerei, auch dem bizarren Urteil der Fatwa verdankt, bringt es auf den Punkt: “Wir verehren Celebrities nicht trotz, sonder wegen ihrer Schwächen. Je mehr Niederlagen sie gestehen, desto stärker lieben wir sie.” So wird einerseits der Ruhm und andererseits die eigene kleine Welt wieder aushaltbarer. Und nicht zuletzt wird der den meisten innewohnende Voyeur bedient. Schafft man es die egokonzentrischen Kreisen der Außenwirkung zu durchqueren, wird es spannend. Höhepunkte sind Berichte über die künstlerische Arbeit, z.B. wenn Robert Gernhardt das erhebende Gefühl beim Dichten gesteht, aber auch Perlen wie das Bekenntnis der Hella von Sinnen: “Ich bin hundekuchengut”.
Maggie Thieme
Sven Michaelsen: Starschnitte,
Dumont, 2006,
300 Seiten, 19,90 EUR,
ISBN - 10: 3-8321-7991-7