Als "literarischen Kurzstreckenläufer" hat sich Günter Eich selbst bezeichnet und Ende der 60er Jahre gegenüber Walter Jens den Wunsch geäußert einmal einen "Marathon" schaffen zu wollen, "einmal tausend Seiten zu schreiben." Obwohl er nie den Absprung zur "großen" literarischen Form - zum Roman oder zum Drama - schaffte, hat Günter Eich die deutsche Nachkriegsliteratur nachhaltig geprägt - durch seine Gedichte, die Kurzprosa und seine poetischen Hörspiele.
Er war ein lupenreiner Sprachkünstler, ein Virtuose des einfachen, aber geschliffenen Wortes - ein Poet, der sich dem Medium Sprache stärker verpflichtet fühlte als dem politischen Alltag. Da er dennoch kein "Dichter im Elfenbeinturm" war, sondern in seinen Arbeiten existenzielle menschliche Bedürfnisse in den Mittelpunkt rückte, wurden viele seiner Texte in der Öffentlichkeit politisch vereinnahmt. In den 30er Jahren rühmte der "Völkische Beobachter" sein Hörspiel "Fährten in der Prärie", und rund dreißig Jahre später funktionierte die Studentenbewegung Textzeilen aus Eichs Lyrik zu griffigen Parolen um: "Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt."
Dabei war Günter Eich, der am 1. Februar 1907 in Lebus an der Oder geboren wurde und später Jura und Sinologie in Leipzig, Berlin und Paris studierte, zeitlebens ein Mensch, für den die Autonomie der Dichtkunst das höchste Gut war und der die Tagespolitik nur spärlich kommentierte: "Ich bin Schriftsteller, das ist nicht nur ein Beruf, sondern die Entscheidung, die Welt als Sprache zu sehen. Als die eigentliche Sprache erscheint mir die, in der das Wort und das Ding zusammenfallen."
Schon in den frühen 30er Jahren veröffentlichte er in Anthologien erste Gedichte, die unter dem starken Einfluss der Naturlyrik Oskar Loerkes und Wilhelm Lehmanns standen. Wenig später schrieb er die ersten Manuskripte für den Rundfunk. Auf diesem Gebiet avancierte er nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft zum Wegbereiter des "poetischen Hörspiels", in dem er den offenen Handlungsschluss einführte. Die hochartifizielle Rundfunkpoesie (der Kritiker Joachim Kaiser sprach gar vom "Eich-Maß" als Qualitätsmerkmal) und seine ersten Nachkriegsgedichte machten Eich, der zu den Gründungsmitgliedern der legendären "Gruppe 47" gehörte, zu einem der Protagonisten der frühen deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.
Um Verluste und harte Zäsuren, die aus dem Zweiten Weltkrieg resultieren, geht es in vielen von Eichs Texten. Das Wenige, was den Menschen zum Neubeginn geblieben ist, bringt er geradezu lakonisch in seinem Gedicht "Inventur" auf den Punkt: "Dies ist mein Notizbuch, dies ist meine Zeltbahn, dies ist mein Handtuch, dies ist mein Zwirn."
Obwohl Eich mit zahlreichen Preisen (Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Hörspielpreis der Kriegsblinden, Georg-Büchner-Preis) ausgezeichnet und seine Arbeit von der Kritik hochgelobt wurde, fanden seine Bücher nur einen spärlichen Absatz. Mit den Rundfunkarbeiten hielt er sich und seine Familie (1953 hatte er seine Schriftstellerkollegin Ilse Aichinger geheiratet) finanziell über Wasser und flüchtete bisweilen in eine bitterböse Ironie: "In Saloniki weiß ich einen, der mich liest, und in Bad Nauheim, das sind schon zwei."
Dieser melancholische, resignative Tenor führte in Eichs Spätwerk zu einer zunehmenden Verrätselung seiner Texte, zur sinnfreien Flucht ins Banale: "Entscheidungen aussprechen/ ist Sache der Nilpferde./ Ich ziehe vor,/Salatblätter auf ein/Sandwich zu legen und/unrecht zu behalten."
Am wohlsten fühlte sich der große Individualist Günter Eich, der am 20. Dezember 1972 in Großgmain bei Bad Reichenhall gestorben ist, in seiner Gedankenwelt - auf der Suche nach den passenden Worten: "Die Bleistiftmine lieb ich am meisten: Tags schreibt sie mir Verse, die nachts ich erdacht."
Peter Mohr
ARD-Radioabend zum 100. Geburtstag von Günter Eich. "Ich bin gar nicht gegen die Realität, im Gegenteil..." Donnerstag, 1. Februar, 20.05 Uhr in HR 2, Bayern 2, SWR 2, NDR Kultur, MDR Figaro, SR2, Nordwestradio und WDR 3 special
Lesetipp:
Günter Eich: Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Jörg Drews. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2007, 653 Seiten, 18,80 Euro (SFR 34,10)