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Freitag, 25. Mai 2012 | 08:13

 

Alexander Kluge wird 75

14.02.2007

Unser Großer Alexander

Ein Jakobiner-Gruß zu Kluges 75. Geburtstag

Von Wolfram Schütte

 

Der Name, zugegeben, verführt dazu, den Namensträger wortspielerisch zu charakterisieren. Der makedonische König Alexander (356/323 v. Chr.) wurde der Große in der Weltgeschichte, weil er den “Gordischen Knoten” einfach mit seinem Schwert durchhauen haben soll. Er eroberte Persien und Ägypten, schuf ein antikes Weltreich bis zum Indus - und starb mit nur 33 Jahren in Babylon.

Alexander, der Kluge, in Halberstadt 1932 geboren, hat die gordischen Knoten, die ihm vor Augen kamen, nicht durchhauen, sondern mit Kunstfertigkeit, Geduld, Zähigkeit, Intelligenz und Geschick aufgedröselt, weil er - beflügelt von diesem Ensemble von Fähigkeiten - das Glück hatte, immer den richtigen Moment zu finden, in dem sein Zu- & Eingriff den knotigen Verschlingungen sich als Lösung darbot. Beherzt hat er dann gehandelt.

Zum Glück des Tüchtigen kam das Genie des Augenblicks; Erkenntnis ist alles: Antizipation qua Phantasie & Vorstellungskraft qua Strategie. Und: Spielfreude - diese vor allem nicht zu vergessen, weil aus deren Assoziationskraft zum Verrücken, Ausprobieren und Erkunden des Weltstoffs (zwischen Astrophysik, Weltgeschichte und alltäglichen faits divers) Kluges spezifische Poetik, nämlich die Springteufel seiner Poesie aus dem Amalgam von Dokument & Fiktion und Erzählung & Essay in Wort, Bild & Ton hervortreten sollten.

Nach dem preußischen Militärtheoretiker Carl von Clausewitz, den Alexander Kluge bewundert, gibt es bei uns keinen zweiten Intellektuellen, der (aber als absoluter Zivilist!) seine Politik des gelebten Alltags clausewitziger betreibt - nämlich mit dem nur Kluge eigenen Ferment des englischen “wit”. Das heißt: mit einer an Geist reichen Taktik & Strategie, die Ziel & Zweck (und die Mittel dazu!) in ein virtuos austariertes Verhältnis zu setzen weiß, um die übermächtig bestehenden Verhältnisse zum Tanzen zu bringen - nach deren eigener Melodie, aber orchestriert & dirigiert von ihm: ob in der Praxis oder der Poesie. Als die “Frankfurter Schule”, in die er folgenreich ging, einmal Prosperos Insel war, wurde dessen Ariel Alexander Kluge.

Ohne Kluges Mehrfronten-Krieg gegen die politische, ideologische und ökonomische Übermacht der westdeutschen Kinobranche; ohne sein zähes Taktieren im politischen Raum, ohne seine weitsichtige ideologische Strategie der ästhetischen Innovation und sein flexibles Manövrieren im Gegenwind von restaurativer Politik und machtgeschützter Ökonomie, hätte es weder den “Jungen”, noch den “Neuen deutschen Film” gegeben. Er hat, als “Girondist“, mit dem “Oberhausener Manifest”(1963), zuerst ein Fenster geöffnet; und dann, als er 1966 mit “Abschied von Gestern” den “Silbernen -” und 1968 mit “Die Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos” den “Goldenen Löwen” auf dem Filmfestival in Venedig gewonnen hatte, waren die Schleusen geöffnet für alle anderen, die gleich ihm, für anderthalb Jahrzehnte die Kino-Welt mit dem “German Filmwunder” begeisterten.

Die Talent-Schmiede des “Filmwunders” war aber, was oft vergessen wird, nur manövrier- & entwicklungsfähig aufgrund einer ebenso soliden als auch komplexen Infrastruktur von Förderungsmaßnahmen wie dem “Kuratorium junger deutscher Film”, der “Filmförderungsanstalt” und dem “Film-Fernsehabkommen” - die alle der planenden Phantasie und der tätigen Energie Alexander Kluges zu verdanken waren. Fassbinder, das Erzählgenie, sah im “Dr. Kluge” den Kopf des gemeinsamen Projekts, dessen Herz er selbst war.

Aber als Kluge erkannte, dass nach Fassbinders Tod auch das Ende des “German Filmwunders” absehbar und mit dem Beginn des kommerziellen Fernsehens eine völlig neue mediale, öffentliche und kulturpolitische Ära prognostizierbar war, sicherte er sowohl mit juristischem Scharfsinn als auch mit politischer Energie der eigenen poetischen und kulturellen Welterfahrung & -kommentierung bis heute irreversible Sendeplätze. Es sind robuste Freihandelszonen, in denen alle Stereotypen & Disziplinierungsmethoden des sie umschließenden Fernsehens außer Kraft gesetzt werden, einzig dem Eigensinn, dem anarchistischen Erkenntnisinteresse und der Spielfreude des Autors verpflichtet.

So wurde Alexander Kluge, als Eroberer und Kultivator, der den Indus des Fernsehzeitalters überschritten hat, als seine filmenden Zeitgenossen sich in persönlichen Beziehungskisten erschöpften, leichthin & gewissermaßen nebenbei auch mehr als zweifach älter als Alexander der Große - älter, ja numerisch gewiss; aber bis heute am 14. Februar, da er 75 Jahre alt sein müsste, ist er so jung, so neugierig, so energisch geblieben, wie ihn alle kennen, die je ihm im Laufe der letzten 40 Jahre immer wieder begegnet sind. Nicht nur an jenen öffentlichen Wendepunkten der (bundes-) deutschen Mediengeschichte, die ich hier in die Erinnerung zurückgerufen habe. Sondern viel mehr noch in seinen vier pulsierenden Leben.

Denn es sind vier, mindestens vier, die er fast in einem Halbjahrhundert ineinander überblendet hat und auf die wir staunend & bewundernd von der Höhe des heutigen Augenblicks blicken: auf sein Leben als Cineasten, Filmtheoretiker und Filmpolitiker (1960/86); als Gesellschaftstheoretiker, der zusammen mit dem befreundeten Soziologen und Philosophen Oskar Negt “Öffentlichkeit und Erfahrung“, “Geschichte und Eigensinn” und “Maßverhältnisse des Politischen” über Jahrzehnte hinweg (1972/2001) untersucht und vermessen hat; ab 1987 als sein eigener Fernsehproduzent & Intendant eines dem kommerziellen deutschen TV implantierten Kulturprogramms; und (!): alle seine Aktivitäten umfangend & umgreifend, seit den “Lebensläufen”(1962) und der “Schlachtbeschreibung” (1964), die stetig, zuletzt beschleunigt gewachsene Parallel-Welt seiner Erzählungen, Anekdoten, Chroniken, Hypothesen, Gedankenspiele (“Chronik der Gefühle”, “Die Lücke, die der Teufel lässt”, “Tür an Tür mit einem anderen Leben”).

Alexander Kluges erzählerisches Oeuvre hat in Form, Charakter, Stoff & Intention nichts Vergleichbares in unserer Literatur. Möglich wäre, dass Novalis von Derartigem geträumt hat. Kluges literarisches Werk erscheint einem jedenfalls wie ein Archipel von annähernd 2000 (!) Prosainseln, die des Autors entzündete Phantasie und spekulative Erfindung aus dem Weltmeer menschlicher Erfahrung und Eigensinns aufsteigen lässt (und mit einem Netzwerk von Verweisen quer durch die Bücher aufeinander bezieht). Oft blicken diese kurzen, selten längeren Exkursionen einer lakonisch-kühlen Prosa sachlichen Stils tief in den Brunnen der entferntesten (erdgeschichtlichen) Vergangenheiten hinab; manchmal erheben sie auf kaum mehr als die anekdotische Pointe einer merkwürdigen “Vermischten Nachricht” Anspruch. Keine “Göttliche Komödie”, keine “Universalgeschichte der Niedertracht” (Borges) wird hier tausendfach reflektiert, aber eine deutsche, wenn nicht gar universale Tragikomödie zwischen dem wunderlichen Witz menschlichen “Urvertrauens” zur Welt und dem Aberwitz von “Lernprozessen mit tödlichem Ausgang” in ihr. Es gilt jedoch, erzählend die Lücke zu finden, die der Teufel im Detail offen lässt: vielleicht, dass wir dem Scheitern einmal entgehen.

Im Vorwort seiner eben erschienenen 120 “Geschichten vom Kino”, geht es ihm um das “Prinzip Kino”, das er für unsterblich hält: “Auch wenn die Kinoprojektoren einmal nicht mehr rattern“, was schon weitgehend der Fall ist, “wird es, das glaube ich fest, etwas geben, 'das wie Kino funktioniert'“. Seine Erzählungen z.B.

So stürmt der 75jährige Alexander Kluge immer noch (wie immer) voran. Achten wir darauf, nicht (nur) das Nachsehen zu haben.

Wolfram Schütte

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