Alfred Kirchner wird 70
22.05.2007
Zwischen Palitzsch und Peymann
Alfred Kirchner eröffnet den Reigen der Siebzigjährigen
Das Regietheater provoziert alle paar Jahre heftige Auseinandersetzungen wie ein halbwüchsiger Bengel, dem der Kopf zurechtgerückt werden soll. Jene Herren aber (und es sind, wenn man von wenigen Ausnahmen wie Andrea Breth oder Elke Lang absieht, Herren), die das deutsche Theater der siebziger Jahre gestaltet haben und dafür verantwortlich waren, dass es international Bewunderung fand, sind in die Jahre gekommen. Claus Peymann wird am 7. Juni siebzig, Peter Stein erreicht dieses Alter am 1. Oktober, Peter Zadek wurde vergangenen Samstag 81 und George Tabori wird kommenden Donnerstag gar 93. Es gehört zum Ritual des symbolischen Vatermords, dass die Jungen jene Generation, die von der 68er-Unruhe geprägt waren, der Senilität oder schlimmerer Vergehen verdächtigen, um davon abzulenken, wie sehr sie selbst von eben diesen „Vätern“ geprägt sind.
Claus Peymann voran geht im Reigen der Siebzigjährigen Alfred Kirchner, wie er ihm beim Stuttgarter Schauspiel voranging. Kirchner, der am 22. Mai 1937 in Göppingen geboren wurde und unter anderem als Assistent mit Peter Zadek gearbeitet hatte, übernahm das Haus, als Peter Palitzsch, der es zu einer ersten Adresse des deutschen Theaters gemacht hatte, nach Frankfurt wechselte, und blieb Oberspielleiter unter Peymann, dem er auch nach Bochum und nach Wien folgte. 1989-1993 gehörte Kirchner dem glücklosen Viererdirektorium des Berliner Schillertheaters an.
Lange vor Friedrich Schirmer hat Alfred Kirchner die Schnittlauchfrisur zum Markenzeichen erhoben. Aber Selbstdarstellung spielte bei ihm eine untergeordnete Rolle. Von einer unverwechselbaren Handschrift kann man bei Kirchner nicht sprechen. Er lässt sich auf jedes Vorhaben mit neuem Eifer ein. Zu den Autoren, für die er adäquate Darstellungsformen gesucht hat, gehören so unterschiedliche Dramatiker wie Brecht und Bernhard, Shakespeare und Achternbusch, Norén und Turrini. Dabei sind ihm beeindruckende Inszenierungen geglückt, andere wiederum misslungen. Alfred Kirchner zählt auch zu jener Riege ursprünglicher Sprechtheaterregisseure, die sich der Herausforderung der Oper gestellt und dort für frischen Wind gesorgt haben.
Den älteren Stuttgartern dürfte seine Uraufführung von Martin Walsers „Ein Kinderspiel“ in Erinnerung sein, „Romeo und Julia“ (mit dem jungen Peter Sattmann) und der „Sommernachtstraum“, die Entdeckung von Hermann Essigs Volksstück „Die Glückskuh“. In die deutsche Theatergeschichte eingegangen ist Alfred Kirchners Bochumer Inszenierung der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ mit Therese Affolter in der Titelrolle. In Wien sah man Franz Morak in seiner Regie als Arturo Ui, den dieser überzeugender gestaltete als später die Rolle des Kulturstaatssekretärs. Von Kirchners zahlreichen Inszenierungen am Musiktheater sei hier lediglich sein Bayreuther „Ring“ von 1994 erwähnt.
Thomas Rothschild