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Freitag, 25. Mai 2012 | 08:19

 

Sten Nadolny wird 65

29.07.2007

Der Entdecker der Langsamkeit

Zum 65. Geburtstag des Schriftstellers Sten Nadolny am 29. Juli

 

Der Schriftsteller Sten Nadolny ist schon immer ein liebenswerter Außenseiter gewesen. Als literarischer "Spätentwickler" betrat er erst mit 37 Jahren nach einigen Umwegen die große literarische Bühne, und seine Plädoyers für die Langsamkeit, für das genaue Beobachten, seine Affinität zum Müßiggang und sein bisweilen ausschweifender Erzählstil stellten sich stets quer zum Zeitgeist. "Literatur soll auf jeden Fall das Tempo des Alltags nicht mitmachen und irgendeine Art von literarischem Fastfood zu liefern versuchen", erklärte Nadolny jüngst in einem Interview.

Obwohl er am 29. Juli 1942 im brandenburgischen Zehdenick (50 km nördlich von Berlin gelegen) als Sohn des Schriftstellerpaares Isabella und Burkhard Nadolny geboren wurde, war Sten Nadolnys Weg zur Literatur äußerst kurvenreich. Nach seiner Promotion zum Thema "Abrüstungsdiplomatie" bei Thomas Nipperdey arbeitete er zunächst als Lehrer und Taxifahrer, ehe er dann als Aufnahmeleiter den Weg zum Film fand. Als er ein Stipendium für ein Drehbuch-Exposé erhielt, war dies nicht der Beginn einer Karriere beim Film, sondern der Start zu seiner literarischen Laufbahn. Der Film wurde nie realisiert, und aus dem Drehbuch entstand später der Romanerstling "Netzkarte" (1981), in dessen Mittelpunkt der bahnreisende Studienreferendar Ole Reuter steht.

Kurz vor der Veröffentlichung dieses Romans hatte Nadolny als völlig unbekannter Autor den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen - für den Vortrag des fünften Kapitels seines 1983 erschienenen und später 1,5 Millionen Mal verkauften "Dauerbrenners" "Die Entdeckung der Langsamkeit", den der Piper Verlag nun mit einem Nachwort des Autors neu herausgegeben hat. Nadolny sorgte nicht nur durch seinen Text über den britischen Offizier und Entdecker John Franklin ("John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, dass er keinen Ball fangen konnte.") damals in Klagenfurt für Aufsehen, sondern er kritisierte auch den "schädlichen Wettbewerbscharakter" und teilte sein Preisgeld unter allen Teilnehmern auf.

Die Liebe zu den Außenseitern zieht sich wie ein roter Faden durch Nadolnys Oeuvre. Ob Ole Reuter, John Franklin oder der Taxifahrer Selim - der Protagonist aus dem dritten Roman "Selim oder die Gabe der Rede" (1990): Diese singulären Figuren beziehen ihren Glanz aus ihren unkonventionellen Verhaltensweisen und durch ihre geradezu sezierende Beobachtungsgabe.

Die späteren Werke - "Ein Gott der Frechheit" (1994), die unter dem Titel "Er oder Ich" (1999) erschienene zweite Bahnfahrt des Ole Reuter und der weitgehend dokumentarische "Ullsteinroman" (2003) - reichten nicht mehr an die Fabulierlust und an den Erzählstrom der frühen Jahre heran.
"Das Leben ist zu kostbar, um es mit Anpassung zu verschwenden", heißt es im Roman "Selim oder die Gabe der Rede". Auf diese Weise hat uns Sten Nadolny, der unangepasste "Entdecker der Langsamkeit", mit Ole Reuter, John Franklin und dem türkischen Gastarbeiter Selim aus Mugla drei der unkonventionellsten und reizvollsten Figuren aus der zeitgenössischen Literatur beschert.

Peter Mohr


Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit. Roman (Neuauflage). Piper Verlag, München 2007, 368 Seiten, 19,90 Euro (SFR 35,90)

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