"Man wird nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht." Dieser zentrale, auf die soziale Stellung bezogene Satz aus ihrem 1949 in Frankreich erschienenen Werk "Das andere Geschlecht" löste damals erregte Diskussionen aus, die weit über Frankreich hinaus reichten. Simone de Beauvoir prangerte die tradierte Frauenrolle innerhalb der Familie (als Hausfrau und Mutter) und die schlechteren Berufschancen für Frauen an. Der Vatikan setzte das Buch auf den Index, Spaniens Diktator Franco und die kommunistische Führung der Sowjet-Union verboten es. Sie engagierte sich später für die Autonomiebestrebungen Algeriens, gründete 1970 die Frauenrechtsbewegung und sympathisierte im Alter mit der sozialistischen Regierung. Sie mischte sich weitaus häufiger als ihr Partner Sartre in die aktuelle Politik ein.
Ihre eigene ökonomische Unabhängigkeit hatte sich die am 9. Januar 1908 im Pariser Stadtteil Montparnasse als Tochter eines streng katholischen Anwalts geborene Autorin Ende der 20er Jahre durch die erfolgreiche Rekrutierungsprüfung für das höhere Lehramt im Fach Philosophie gesichert. Simone de Beauvoir schloss die Prüfung als Zweitbeste hinter Jean-Paul Sartre ab, mit dem sie bis zu dessen Tod ein halbes Jahrhundert lang eine wohl einmalige und äußerst unkonventionelle Liaison unterhielt.
Eine Beziehung mit vielen Höhen und Tiefen, in der die geistige Treue stärker war als die körperliche. Sie räumten einander sexuelle Freiheiten ein, die beide auch ausnutzten, unter denen Simone de Beauvoir (wie posthum veröffentliche Briefe dokumentierten) aber dennoch litt. Sartres diversen Liebschaften standen Beauvoirs Romanzen mit dem Schriftstellerkollegen Nelson Algren (Ende der 40er Jahre) und mit dem siebzehn Jahre jüngeren Regisseur Claude Lanzmann (Mitte der 50er Jahre) gegenüber.
“Ich will vom Leben alles“Schon vor dem großen Erfolg des "anderen Geschlechts" hatte Simone de Beauvoir, die von Sartre zeitlebens "Castor" (dt. Biber) genannt wurde, mit den Romanen "Sie kam und blieb" (1943) und "Das Blut der anderen" (1945) auf sich aufmerksam gemacht. Den literarischen Ritterschlag erhielt sie für ihren in der Pariser Intellektuellenszene angesiedelten Roman "Die Mandarins von Paris"(1955). Für dieses stark autobiografische Buch wurde die Schriftstellerin 1954 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.
"Ich will vom Leben alles. Ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein", schrieb Simone de Beauvoir in den 50er Jahren in einem Brief - Ausdruck ihrer persönlichen inneren Zerrissenheit, die sich auch in ihrem Denken als Gratwanderin zwischen Existenzialismus, Psychoanalyse, Marxismus und Feminismus widerspiegelte.
Mit ihrem dritten Memoirenband "Das Alter" (1970) und dem autobiografischen Bekenntnisbuch "Die Zeremonie des Abschieds" (1981), in dem sie sich mit dem Tod von Jean-Paul Sartre auseinandersetzte, legte Simone de Beauvoir zwei erzählerisch ausgereifte Alterswerke vor.
"Hingerissen bin ich von der Klarheit ihres Denkens, der Unteilbarkeit ihres Gerechtigkeitssinns und der Kühnheit ihrer Visionen. Gerührt bin ich von ihrer Leidenschaft und Verletzlichkeit", erklärte die Publizistin Alice Schwarzer, die Simone de Beauvoir 1970 kennengelernt hatte und die mehrere Bücher über diese Begegnungen veröffentlichte. Jüngst erschien im Rowohlt Verlag eine mit zahlreichen Fotos versehene, überarbeitete Biografie.
Nach Sartres Tod adoptierte Simone de Beauvoir Sylvie le Bon, mit der ihr ein homoerotisches Verhältnis nachgesagt wurde, und bestimmte die mehr als dreißig Jahre jüngere Lehrerin zur Nachlassverwalterin. Am 14. April 1986 ist Simone de Beauvoir, eine der schillerndsten Intellektuellen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in Paris gestorben. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem Friedhof Montparnasse - an der Seite des 1980 verstorbenen Jean-Paul Sartre.
Peter Mohr