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Gudrun Pausewang wird 80

02.03.2008

Identifikationsfiguren sind wichtig

Leicht gemacht hat Gudrun Pausewang es ihren Lesern nie, denn "Heile-Welt-Literatur" ist nicht ihre Sache. Noch in jedem Kinderbuch steckt eine Botschaft, ist der pädagogische Atem, der leidenschaftliche aufklärerische Impetus zu spüren.

 

Sie hat fast 100 Bücher geschrieben, die es auf eine Gesamtauflage von knapp 3 Millionen Exemplaren bringen, hat bedeutende Auszeichnungen für ihre Werke (sogar das Bundesverdienstkreuz) erhalten, und dennoch gehört sie eher zu den Außenseitern des Literaturbetriebs.

Öffentlichen Rummel um ihre Person hat die bedeutendste zeitgenössische Kinder- und Jugenbuchautorin nie gemocht ("Mir ist es beinahe peinlich, dass ich wichtiger sein soll als ein Schreiner."), am wohlsten fühlt sie sich bei Lesungen in Schulen. Und das aus doppeltem Grund: Gudrun Pausewang hat viele Jahre selbst als Lehrerin gearbeitet (zu ihren Schülern gehörte u.a. auch Generation-Golf-Autor Florian Illies), und das Gros ihrer Bücher ist für die Zielgruppe der 10- bis 16-jährigen geschrieben.

"Wenn ich ein Buch für Jugendliche schreibe, muss ich mir überlegen, wie ich junge Menschen dazu bringe, dieses Buch zu lesen. Es muss ein erzählendes Buch sein, und es muss eine Identifikationsfigur vorhanden sein", so Gudrun Pausewangs schriftstellerisches Credo. Gudrun Pausewang, die am 3. März 1927 im böhmischen Wichstadtl als Tochter eines Diplom-Landwirts geboren wurde, hat viel aus ihrem reichen Erfahrungsschatz zu erzählen, denn mehr als zehn Jahre arbeitete sie als Lehrerin in verschiedenen südamerikanischen Staaten und wurde dort für die krassen Gegensätze zwischen arm und reich besonders sensibilisiert. 1972 kehrte sie nach Deutschland zurück, ließ sich in Schlitz (im osthessischen Vogelsbergkreis) nieder, wo sie bis 1989 als Grundschullehrerin arbeitete und (welch Zufall!) im Gebrüder-Grimm wohnt.

Große Kontroversen, großes Publikum

Ihre beiden bekanntesten Bücher ("Die letzten Kinder von Schewenborn" und "Die Wolke") sorgten für heftige öffentliche Kontroversen, fanden aber dennoch (oder gerade deswegen) ein großes Leserpublikum - vor allem rund um die Friedensbewegung der 80er Jahre. "Ich will keine Angst verbreiten. Ich will nur warnen", hatte Gudrun Pausewang in einem Interview über ihre beiden "Katastrophenromane" erklärt.
"Meine kleine Schwester Jessica Marta hatte keine Augen", lautet einer der schneidend-einprägsamen Sätze aus den "Kindern von Schewenborn". In diesem Roman thematisiert Gudrun Pausewang die grausamen Folgen eines Atomkriegs. Als sie unmittelbar nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl den Roman "Die Wolke" veröffentlichte, entbrannte in die Kohl-Regierung eine heftige Diskussion darüber, ob dieses Buch mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet werden dürfe. "Ich rechne Rita Süssmuth noch heute hoch an, dass Sie selbst entschieden hat, dass das Buch den Preis bekommen soll", so die Autorin über die damals zuständige CDU-Ministerin. Zwanzig Jahre nach der Katastrophe wurde das Buch erfolgreich verfilmt.

Gudrun Pausewang, die sich auch heute noch als vehemente Atomkraft-Gegnerin bezeichnet, hat von ihrem Arbeitseifer nichts eingebüßt. Vor zehn Jahren hat sie an der Uni Frankfurt ihre Doktorarbeit über "Vergessene Jugendschriftsteller der Erich-Kästner-Generation" vorgelegt, und fast jedes Jahr erscheint ein neues Buch aus ihrer Feder - zuletzt das Kinderbuch "Die Räuberschule" (2007) mit der rotgelockten und sehr mutigen, ein wenig an Pippi Langstrumpf erinnernden Jule als Hauptfigur. Der permanente Austausch mit ihren jugendlichen Lesern hat Gudrun Pausewang jung gehalten.

Peter Mohr

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