"Täter werden nie den Himmel zwingen:/Was sie vereinen wird sich wieder spalten,/Was sie erneuern wird über Nacht veralten,/Und was sie stiften Not und Unheil bringen." Diese Zeilen (und thematisch ähnliche Gedichte) aus einem 1937 verfassten Sonett führten im April 1945 zu einer Anklage wegen Hochverrats - gegen den durch und durch christlich inspirierten Verfasser Reinhold Schneider. In seinem turbulenten Lebensweg spiegeln sich nicht nur die politischen Wirren des 20. Jahrhunderts, sondern er liefert auch ein von privaten Rückschlägen geprägtes, beinahe typisches Dichterschicksal.
Schwermütig und melancholisch, depressiv und introvertiert ist Reinhold Schneider, der am 13. Mai 1903 als Sohn eines Hoteliers in Baden-Baden geboren wurde, zeitlebens gewesen. Sein Vater erschoss sich 1922, als er sein gesamtes Vermögen und seine Ehefrau verloren hatte. Kurze Zeit später wollte auch der Sohn, der nach dem Abitur als kaufmännischer Angestellter einer Druckerei in Dresden lebte, aus dem Leben scheiden. Seine Zimmerwirtin, die 22 Jahre ältere Anna Maria Baumgartner rettete ihn und wich bis zu Schneiders Tod nicht mehr von seiner Seite. "Die Liebe war schnell erloschen", heißt es in Schneiders Tagebuch. So lebte er fast 30 Jahre unter zölibatären Verhältnissen.
Seine Liebe zur Literatur entdeckte er durch zwei große Iberer - den portugiesischen Dichter Louis de Camoes und den spanischen Philosophen Miguel de Unamuno. Nach einer ausgedehnten Reise auf die iberische Halbinsel, die er als "Landschaft meiner Seele" bezeichnete, entstanden seine ersten vielbeachteten, historischen Werke "Die Leiden des Camoes" und "Philipp der Zweite", dem sich 1938 der große Roman "Las Casas vor Karl V." anschloss. Eine "schwermütige, eigensinnige und in sich versunkene Melodie", attestierte Hermann Hesse diesen Büchern. Das melancholische Leiden an der Geschichte, das im Portugiesischen so treffend als "Saudade" bezeichnet wird, zieht sich als Grundtenor durch Schneiders Bücher.
Auch bedingt durch eine schwere Magenkrankheit, die ihm in den letzten zwanzig Lebensjahren zu schaffen machte, flüchtete Reinhold Schneider immer stärker in die Religion, suchte im stillen Gebet den Lebenshalt, den er im Alltag nie finden konnte. Schneider war ein konservativer, aber undogmatischer Christ, der die katholische Amtskirche nach dem Zweiten Weltkrieg ebenso scharf kritisierte wie die Adenauersche Wiederaufrüstungspolitik.
Humanistische IndividualistAls "Gewissen der Nation" wurde Schneider von den Gegnern der Adenauer-Politik gefeiert, und die Werke des gänzlich unpolitischen Schriftstellers wurden gar von Marxisten in der DDR vereinnahmt. Trotz des ihm 1956 verliehenen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels war Schneider in der Bundesrepublik weitgehend isoliert, seine Beiträge für Zeitungen und Rundfunkanstalten nicht mehr gefragt. Lediglich den Kontakt zum Schriftstellerkollegen Werner Bergengruen, mit dem ihn eine beinahe lebenslange Freundschaft verband, hielt er bis zu seinem Tod aufrecht.
Von Resignation und rückwärtsgewandter Melancholie sind seine beiden autobiografischen Spätwerke ("Der Balkon" und "Winter in Wien") geprägt. In "Der Balkon" lässt Schneider noch einmal die Glanzzeit des 1957 abgerissenen elterlichen Hotels Revue passieren, in dem einst Kaiser Wilhelm II. und der gesamte europäische Hochadel logierte.
"Doch hab ich mehr entbehrt noch als empfangen/Und nie im Glücke meinen Gram vergessen;/An mein erschauernd Herz ein Herz zu pressen,/Das sollt' ich nie auf dieser Welt erlangen." Nie hat sich Reinhold Schneider selbst treffender beschrieben.
Der große humanistische Individualist, der verkannte Außenseiter und selbstquälerische Melancholiker, hat uns über 400 ausgefeilte Sonette, Erzählungen, Romane, Dramen, autobiografische Skizzen und das immer noch höchst lesenswerte Portugal-Buch hinterlassen. Am 6. April 1958 ist Reinhold Schneider (gerade 54-jährig) in Freiburg an den bei einem Sturz erlittenen Verletzungen gestorben. In Erinnerung an den Schriftsteller vergibt die Breisgau-Metropole alle zwei Jahre den nach Reinhold Schneider benannten Kulturpreis.
Peter Mohr