Das ist ihm gegönnt, auch wenn seine Mitarbeiter es bedauern mögen. Es ist bezeichnend für Brakhage, dass er die Übergabe der Stafette an das neue Team leise und ohne Aufsehen vollzogen hat. Ich habe in den Jahren, seit ich für das
titel-magazin schreibe, den „Kopf“ dahinter nur ein einziges Mal gesehen. Im Geiste nannte ich ihn stets „Breckedsch“. Als älterer Cinéast und Liebhaber des New American Cinema musste ich bei dem ungewöhnlichen Namen unwillkürlich an seinen Namensvetter Stan denken, dessen Experimentalfilme wir in den sechziger Jahren bewundert haben. Anselm Brakhage machte seine Arbeit für das
titel-magazin zuverlässig und so unauffällig, wie er jetzt seinen Abgang inszenierte. Es ist ihm dafür zu danken, dass es in einer immer enger und restriktiver werdenden Öffentlichkeit einen Freiraum gibt, in dem noch unzensiert und ungekürzt publiziert werden kann. Anselm Brakhage, aber auch die kleine Crew um ihn herum, aus der sich die neue Redaktion rekrutiert, repräsentieren einen Idealismus und eine Liebe zur Literatur, die selten geworden sind.
Es ist nicht üblich, dass ein Mitarbeiter seinen Redakteur lobt. Das klingt leicht nach Speichelleckerei. Aber nun, da Brakhage geht, sind diese Worte des Danks angebracht. Zur moralischen Entlastung sei den Lesern mitgeteilt, dass Geld beim
titel-magazin nicht im Spiel ist. Wer hier mitmacht, kann sich nicht bereichern. Es „zahlt sich“ also nicht aus, wenn man schmeichelt. Wer es auf Vorteile oder gar eine Karriere absieht, kann es bleiben lassen. Aber wo jeder mäßig begabte Redakteur einer auflagenstarken Zeitschrift Schlagzeilen macht, wenn er den Job wechselt, sollen für einen Bescheidenen wenigstens diese paar Sätze der Anerkennung gesagt sein.
Menschen sind, so traurig das sein mag, ersetzbar. Das
titel-magazin wird, so ist zu hoffen, in der bisherigen Qualität weiterleben. Anselm Brakhage ist der Erste, diese Hoffnung zu teilen. Aber ehe wir zur Tagesordnung übergehen, soll daran erinnert werden, wer, statt nur über Pläne und Entwürfe zu schwadronieren, sie zehn Jahre lang verwirklicht und ermöglicht hat. Nekrologe sollten zu Lebzeiten verfasst werden. Zumal, wenn sie nicht geheuchelt sind. Für üble Nachreden gibt es anderswo immer noch genug Anlass.
Thomas Rothschild