Arbeiten von zu Hause aus, im Café oder am Strand. Was schon lange für Freiberufler gilt, soll nun auch für Festangestellte gelten. Schnelle Internetverbindungen, E-Mail-fähige Handys und kollaborative Software, d.h. Technik, die es Menschen ermöglicht an wechselnden Orten leichter zu arbeiten, sind die Schlüssel für den Umwälzungsprozess am Arbeitsplatz, den Markus Albers in seinem neuen Sachbuch "Easy Economy" nennt. Der Autor beschreibt mit anschaulichen Fallbeispielen und genau recherchierten Fakten wie ein flexibler Umgang mit der Arbeitszeit das Lebensgefühl verbessert, die Zufriedenheit im Job erhöht, mehr Raum für Alltagserledigungen zulässt, die Kreativität steigert und somit die Produktivität erhöht.
Tanja Sieg: Was hat Sie veranlasst, sich intensiv mit diesem Thema zu beschäftigen?
Markus Albers: Ich wollte wissen, was aus der "New Economy" geworden ist, mit der bereits Anfang der 90er Jahre eine neue Art des Arbeitens versprochen wurde. Denn nicht alles, was sich damals als technische Innovation andeutete, hat sich als Luftnummer erwiesen, sondern durchaus das Berufsleben modernisiert, wie bspw. das Internet oder die mobile Kommunikation.
Darüber hinaus hat mich als ehemaliger "Bürosklave" interessiert, ob nicht auch eine andere Arbeitsform in der Festanstellung möglich ist?
T.S.: Sie leiten von dem Begriff der New Economy nun die Easy Economy ab. Können Sie kurz umreißen, was dahinter steckt?
M.A.: Die Arbeitswelt tut sich schwer damit, Strukturen zu ändern. Die Arbeit sollte leichter genommen werden und mit mehr Spaß verbunden sein. Easy Economy steht daher für eine freundliche, flexible und mobile Arbeitsauffassung. Der festangestellte Büromensch muss nicht mehr von 9 bis 17 Uhr seine Zeit abarbeiten. Er kann selbst bestimmen, ob er ins Büro geht oder lieber von zu Hause aus arbeitet. Ich spreche daher gerne von freien Festangestellten.
Ziel der Easy Economy ist es, den Festangestellten ähnliche Freiheiten zu ermöglichen wie den Freiberuflern: flexibler arbeiten = effizienter arbeiten = weniger arbeiten = höhere Lebensqualität.
T.S.: Wer arbeitet in der Easy Economy?
M.A.: In der Easy Ecomomy arbeitet vorrangig die kreative Klasse, d.h. klassischerweise Musiker, Schauspieler, Designer, aber auch Betriebswirte, Geschäftsleute sowie Ingenieure und Naturwissenschaftler. Berufsgruppen, die sogenannte Wissensarbeit verrichten. 2006 boten 18 % der Arbeitgeber diese Arbeitsform an, bei der die Technologie es ermöglicht, zu jeder Zeit und an jedem Ort zu arbeiten. 2004 waren es noch 4%. Es ist eine deutliche Steigerungsrate zu beobachten.
T.S.: Dennoch halten viele Unternehmen an dem alten Konzept der 9 to 5 Büroarbeit fest, obwohl sie sich als unproduktiv erweist? Denn wie Sie in Ihrem Buch beschreiben, wird der Büroangestellte jede 11. Minute durch ein Telefonat oder einen Kollegen in seiner Konzentration gestört.
M.A.: Die Angst vor Veränderung ist groß und die Easy Economy steht für einen radikalen Veränderungsprozess - nicht nur für den Arbeitnehmer sondern auch für den Arbeitgeber.
Als größtes Problem bei der Umsetzung sehe ich jedoch das mittlere Management, dessen Rolle sich dringend verändern muss. Hier wird immer noch nach einem altmodischen Modell von Anwesenheitspflicht und mit Kontrollmechanismen gearbeitet, strikt nach dem Prinzip: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Doch wer mündige Angestellte haben will, muss sie auch so behandeln.
Die Vorstandsebene vieler Unternehmen dagegen ist meist progressiver. Die USA übernimmt dabei eindeutig die Vorreiterrolle, gefolgt von den skandinavischen Ländern, den Niederlanden und Großbritannien. Dahinter folgen dann die deutschen Unternehmen.
T.S.: Können Sie ein Beispiel aus Deutschland nennen, bei dem die Umstellung zur flexibleren Arbeitszeitplanung geglückt ist?
M.A.: Paradebeispiel ist IBM in Deutschland, die 1998 bereits ihr Unternehmen umstrukturiert hat. Mitarbeiter haben keinen festen Arbeitsplatz mehr, weil sie nicht jeden Tag in das Büro kommen müssen und sie verfügen über eine sogenannte Arbeitszeitsouveränität. Konkret bedeutet das, dass der Mitarbeiter eine Frist gesetzt bekommt und danach seine Zeit selbst einteilt. Er entscheidet allein, wie er das Projekt termingerecht, vollständig und qualitativ hochwertig abliefert.
Auch die Stadtverwaltung Wolfsburg hat gezeigt, dass sich die Easy Economy in der Verwaltung durchsetzen lässt. Arbeit wird dort ebenfalls nicht mehr nach Zeit gemessen, sondern nach Aufgaben. Der Bürger selbst hat davon sogar einen Nutzen, da die Bürgerdienste durch die flexible Arbeitszeitgestaltung der Mitarbeiter fast durchgängig geöffnet haben.
T.S.: Was wird dann aus den Büroflächen, wenn alle Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten?
M.A.: Gute Frage! Vielleicht entwickeln sich daraus kreative Räume, wie es im Ruhrgebiet nach der Stilllegung einiger Zechen zu beobachten ist?
Aber die Büroräume verschwinden nicht vollständig. Vielmehr verändert sich die Art der Nutzung. Das Büro wird nicht mehr der vorrangige Arbeitsplatz sein, in dem die Angestellten wie in einer Mönchszelle hausen, sondern eher eine Kommunikationsbasis, eine große Kaffeeküche. Und Büros werden immer gebaut, da der daraus resultierende volkswirtschaftliche Faktor nicht zu unterschätzen ist.
T.S.: Wir bewegen uns von der Industriegesellschaft hin zur Wissensgesellschaft. Die Easy Economy bezieht aber das produktive Gewerbe, d.h. die Arbeiter in der Fabrik, nicht mit ein. Ist das dann nicht ein weiterer Schritt zur Zweiklassengesellschaft?
M.A.: Das produzierende Gewerbe zählt nun einmal zur Industriegesellschaft! Aber die Gefahr des Auseinanderdriftens ist nicht von der Hand zu weisen und es kann zu einer Wissenskluft, zu einem digital divide kommen. D.h. nur wer Zugang zu modernen Kommunikationstechniken hat, hat bessere soziale und wirtschaftliche Entwicklungschancen. Die Wertschöpfung der Unternehmen liegt aber nun einmal im Wissensbereich und in Deutschland macht sie bereits 40-50% der anfallenden Arbeit aus.
Andererseits ist eine Gegenbewegung zu beobachten, die sich in der Renaissance des Handwerks ausdrückt. Die Autoren Friebe und Range greifen diese Bewegung in ihrem Buch "Marke Eigenbau" auf und beschreiben u.a. wie der Mensch vom Konsument zum Produzent wird und sich im Handwerk wieder selbst verwirklicht.
T.S.: Gerade in der Festanstellung spielt die Gewerkschaft eine nicht unerhebliche Rolle – besonders in Bezug auf der von Ihnen postulierten Messung der tatsächlich geleisteten Arbeit und nicht der physisch anwesenden Arbeitszeit. Haben Sie schon Reaktionen erhalten?
M.A.: Ja, ich habe von der Gewerkschaftsseite eine sehr lange E-mail erhalten, in der mir meine einseitige Sichtweise vorgehalten wurde. Jedoch muss ich ehrlich sagen, dass ich auch kein besonderes Interesse daran hatte, mich zu sehr mit den Gewerkschaften auseinander zusetzen.
Ich halte Gewerkschaften für sehr wichtig und die Gefahr der ständigen Erreichbarkeit und der Endlos-Arbeitstage besteht bei der flexiblen Arbeitszeitgestaltung zweifellos. M.E. ist jedoch zuerst der Einzelne einem Lernprozess unterworfen. Der Einzelne muss lernen, mit seiner Zeit umzugehen und seine Zeit zu strukturieren. Und auch die Gewerkschaften müssen sich neu strukturieren, doch das ist ein noch schwieriger Job.
T.S.: Sie schlagen daher vor, dass "wir die Kommunikationsmittel benutzen müssen, statt uns von Ihnen benutzen zu lassen". Ist Ihr Buch eine Art Lebensratgeber für freie Festangestellte?
M.A.: Mich begeistern amerikanische Sachbücher, die sowohl journalistisch gut recherchiert, aber auch praktisch angelegt sind und hilfreiche Tipps geben. Davon habe ich mich ganz klar inspirieren lassen. Doch sollten in meinem Buch nicht zu viele Tipps vorkommen, da es nicht in die Ratgeber-Schublade gehört. Ich spreche viel mehr von "Expertengesprächen".
T.S.: Camilla Kring, Gründerin der dänischen b-Gesellschaft, die sich ebenfalls für die freie Zeiteinteilung der Arbeiter stark macht, wünscht sich, dass der Einzelne wieder Macht über die Zeit erhält. Ist die Easy Economy der Schlüssel dazu?
M.A.: Ja!
T.S.: Was kommt nach der Easy Economy? Wie sehen sie die deutsche Arbeitsplatzentwicklung in 10 Jahren?
M.A.: Ich gebe nicht gerne Prognosen ab. Ich spreche eher von Trends. Der 9 to 5 Job ist ganz klar ein Auslaufmodell. Ich denke auch, dass der Einzelne mehr Kontrolle über seine Zeit erhalten wird. Er muss aber gleichzeitig lernen, mit der freien Zeit sorgsam umzugehen.
T.S.: Auch wenn sie keine Prognosen anstellen möchten, aber wo sehen Sie sich in 10 Jahren?
M.A.: Ich habe alle Varianten schon einmal durchgespielt und mir gefällt meine freiberufliche Art zu Leben ganz gut. Ich könnte mir aber auch eine Festanstellung vorstellen – dann aber nur als freier Festangestellter!
Mit Markus Albers sprach Tanja Sieg
Markus Albers: Morgen komm ich später rein. Für mehr Freiheit in der Festanstellung, Campus Verlag 2008, 236 Seiten.