Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Eli Pariser: Filter Bubble Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 08:33

 

Veranstaltungshinweis: Karneval der Literaturen in Berlin

20.11.2008


Mit anderen Augen

Auf dem Karneval der Literaturen präsentieren Berliner Autoren ihre Texte und die Literatur ihrer Herkunftsländer. Zum Abschluss liest heute Abend die Türkin Dilek Güngör mit dem Schauspieler Denis Abrahams in der Kreuzberger Lettrétage. Von Lutz Steinbrück

 

Karneval in Berlin? Dieser rheinisch-alemannische Brauch führt hier ein Schattendasein. Doch seit 1996 hat Berlin etwas ganz Eigenes, das die Massen mobilisiert: den Karneval der Kulturen. Kein Wunder, sind doch mehr als eine halbe Million Berliner aus 180 Nationen zugewandert. Da liegt es nah, auch die hier lebenden Literaten mit nichtdeutschen Wurzeln zu Wort kommen zu lassen, auf dem ersten Karneval der Literaturen vom 9. bis 20. November.

Veranstalter ist das Kreuzberger Literaturhaus Lettrétage. „Jenseits von Multikulti-Klischees wollen wir zeigen, dass charakteristische Nationalliteraturen in einer globalisierten Welt allmählich verschwinden“, erklärt Veranstalter Moritz Malsch. „Hier lesen Autoren, deren Lebensläufe mit häufigen Orts- und Landeswechseln typisch sind für heutige Lebenswirklichkeiten. Dieser Wandel drückt sich auch in ihren Werken aus.“ Er meint, dass die Literatur Tschetscheniens und der Schweiz einander vielleicht näher sind, als man denken würde und dass Autoren nicht primär den Einflüssen ihrer Muttersprache und der regionalen literarischen Tradition unterliegen. Vielmehr werde das Schreiben zunehmend universell, da sich die Schriftsteller vermehrt international auf gleiche oder ähnliche Bezugspunkte berufen.

15 Autorinnen und Autoren werfen einen Blick auf die Literatur ihrer Herkunftsländer und präsentieren dabei eigene und fremde Texte. Bei der Lesung von Zehra Çırak am 17.11. in der Lettretagé war Denis Abrahams mit von der Partie. Die Adelbert-von-Chamisso-Preisträgerin las Gedichte und Prosaminiaturen aus ihrem Band In Bewegung (Verlag Hans Schiler), die sie zu Skulpturen von Jürgen Walter verfasst hat, während Abrahams die Geschichte „Hexenzauber“ von Haldun Taner (1915-1986) vortrug. Eine Geschichte, die aus Taners deutsch-türkischem Erzählband Allegro ma non troppo (Sardes Verlag) stammt.

Der Blick des Fremden und auf das Fremde sind Motive, das ihre Texte durchziehen und Ängsten nachspüren: „So zu sehen wie der Nachbar / wenn er an seinem Fenster steht / zu hören was er lauschen kann / sozusagen wie er zu sein / mit dem gleichen Hund spazieren gehen / mit der gleichen Frau zu schlafen / seine Angst vor mir zu haben / und keine Angst vor ihm“ heißt es im Gedicht „Mit den Augen eines anderen“.

Oder „Melde gehorsamst“, worin sich die eigene Perspektive als Kern des Daseins als Behauptung entpuppt: „ich nahm noch an ich sei mein Oberhaupt auf dem Markt der Betrachter“. Identität erscheint hier als fragiles, gewissensloses Gebilde: „Ich verkaufe meinen Gehorsam / an jeden Meistgebieter“. Im Gedicht „Kulturobst“ offenbaren sich verschwommene Subjekt-Objekt-Beziehungen im Wandel der Perspektiven und führen zurück zu einer organischen Einheit der Dinge: „Die Fenster dieses Hauses sind die Fenster dieses Hauses / sie haben im Garten Apfelbäume gesehen / Die Äpfel des Baumes hören gerne die Musik / die aus dem Hause kommt / aus gutem Hause versteht sich / sonst stände dort kein Instrument / das Kultur geschworen“.

Wie Çırak überzeugte auch Denis Abrahams. Er brachte Haldun Taners Erzählung auf den Punkt. Thema: die erste türkische Einwanderer-Generation in Deutschland. Das dem Text vorangestellte Zitat von Max Frisch: „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen“ (1965), schwebte als Leitmotiv über dem ironisch und satirisch formulierten Brief eines Migranten an einen ebenfalls eingewanderten Landsmann. Er posiert im Berliner Bärenkostüm für Touristenfotos und beschreibt das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken. Die Deutschen erscheinen darin als mürrische, hochmütige Gesellen, die die Fremdarbeiter zu Sündenböcken abstempeln.

Der Anspruch, unterschiedliche Kulturen in den Texten zu reflektieren, wurde an diesem Abend in unterhaltsamer Manier eingelöst. Deutlich wurde auch, dass der türkische Stammbaum für die literarische Arbeit Zehra Çıraks nicht die entscheidende Rolle spielt. Dennoch sind die mit ihrer Biografie verknüpften Erfahrungen mit kulturellen Differenzen eine Triebfeder ihres Schreibens. Sie bilden die Basis für eine intensive, auch künstlerische Auseinandersetzung mit Andersartigkeit und Fremdheit und eröffnen eine Fülle ungewohnter Blickwinkel.

Heute abend bestreitet Abrahams mit der türkischen Autorin Dilek Güngör die Abschlussveranstaltung. Güngör (Jahrgang 1973) wurde als langjährige Kolumnistin der „Berliner Zeitung“ bekannt, wo sie türkische Familiengeschichten veröffentlichte. Unter dem Titel Ganz schön deutsch hat sie 2007 eine Sammlung ihrer Glossen im Piper Verlag veröffentlicht, aus der sie heute lesen wird. Im gleichen Jahr erschien dort ihr erster Roman Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter. Denis Abrahams liest aus der Erzählung „Amapola“ des türkischen Autors Fatih Özgüven.

Die Chancen, dass der Karneval der Literaturen fortgesetzt wird, stehen gut: „Wir haben von mehreren Seiten ein positives Feedback bekommen“, berichtet Malsch. „Das Publikum hat das Programm angenommen. Auch einige Botschaften haben Bereitschaft signalisiert, uns im kommenden Jahr auch finanziell zu unterstützen.“ In diesem Jahr hat das Kulturamt Friedrichshain-Kreuzberg die Veranstaltung gefördert. Wenn die Finanzierung geklärt ist, steht einer Neu-Auflage 2009 nichts im Wege. Vielleicht etabliert sich auf diese Weise ein zweiter multikultureller Karneval in Berlin.

Lutz Steinbrück


Veranstaltungshinweis:

Am 20.11.2008 lesen Dilek Güngör und Denis Abrahams in der Lettrétage, Methfesselstraße 23-25 in Berlin-Kreuzberg (U-Bahnhof „Platz der Luftbrücke“) ab 20 Uhr. Eintritt: 5 Euro.

Link: lettretage.de


Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!

Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und  20 Jahren ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Maler der Farben und Formen

Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...