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Freitag, 25. Mai 2012 | 08:33

 

Herzlichen Glückwunsch Jorge Semprun!

11.12.2008

Der politische Sisyphos - Jorge Semprún wird 85 Jahre alt

Semprúns literarische Poesie ist die eines poeta doctus und Philosophen, deren komplexe Dialektik sich in einem widersprüchlichen Amalgam von Erinnerung & Reflexion, Imagination und Bezweiflung, Politik und Moral entfaltet. Er ist ein Schriftsteller des roman d´essai, der - um mit Arno Schmidt zu sprechen - das “Längere Gedankenspiel” favorisiert. Von Wolfram Schütte

 

Wir müssen uns Jorge Semprún als einen glücklichen Menschen vorstellen. Ob er sich selbst so sieht: wer weiß es – außer ihm? Jedoch der Schluss-Satz von Albert Camus´ Essay “Der Mythos des Sisyphos” trifft auf ein gelebtes und danach vielfach literarisch reflektiertes Leben zu, das den spanischen Großbürgersohn und Intellektuellen, dessen republikanische Familie 1936 ins Exil ging, in die französische Résistance, ins KZ Buchenwald, ins ZK & Politbüro der Spanischen (Exil-)KP, in die Untergrund-Aktivität im Spanien Francos und zuletzt noch auf den Stuhl des Kulturministers in der sozialistischen Regierung Gonzales im postfranquistischen Spanien geführt hat. Und seit er 1963 mit “Die große Reise” literarisch debütierte, ist er einer der großen europäischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts geworden: ein gebürtiger Spanier, der (fast) alle seine Romane auf französisch schrieb.

Auch der vorletzte Satz von Camus´ Essay trifft auf den Impetus von Jorge Semprúns politisch-militanten Lebens und seines literarischen Engagements zu: “Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen”. Jorge Semprúns realer Kampf “an den Fronten des Weltprozesses” (E. Bloch) richtete sich gegen eine ungerechte, ausbeuterische und menschenfeindliche Gesellschaft, vulgo: seinerzeit Faschismus und Kapitalismus; und er hat ihn geführt an der Seite und als Mitglied der französischen und spanischen KP - bis er, ein politischer Leninist & Stalinist, 1964 wegen seiner eurokommunistischen Sympathien aus der Partei ausgeschlossen wurde und seither ein parteiloser, demokratischer Linkssozialist ist, der nicht zum Renegaten jener Ziele geworden ist, die sein “Menschenherz ausfüllen”. Es sind dies die unhintergehbaren Losungen der Großen Französischen Revolution: Liberté, Egalité, Fraternité. Und hättet ihr der Brüderlichkeit nicht - könnte man Paulus paraphrasieren -, so wären auch Freiheit und Gleichheit nicht in ein humanes Gleichgewicht zu bringen.

“Buchenwald war mein Bildungsroman“

Es ist die konkrete mitmenschliche Erfahrung der Brüderlichkeit, der politischen und existenziellen Solidarität unter verfolgten Genossen, welche für den Menschen und Schriftsteller Jorge Semprún die gelebte Utopie des Kommunismus ausmachte: im französischen & später im spanischen Widerstand und vor allem im KZ Buchenwald, wo den 21jährigen “Rotspanier” die Genossen vor der Exekution retteten und wo der philosophisch hochgebildete Leser von Marx, Hegel und Schelling in der Arbeitsverwaltung mit dem moralischen Dilemma konfrontiert war, pragmatisch diese zu retten und jene ihrem tödlichen Schicksal zu überantworten, wenn die SS Arbeitskräfte zu deren mörderischen Ausbeutung anforderte.

“Ich habe Buchenwald nie verlassen. Buchenwald”, hat Semprún behauptet, “war mein Bildungsroman”. Insofern könnte man sagen, sei sein Roman “Was für ein schöner Sonntag!“ (1980) sein “Wilhelm Meister”: sein Chef-d´Oeuvre über den sein Leben bestimmenden Ort der ultimativen Existenzgefährdung, zu dem er im Laufe seines literarischen Lebens immer wieder zurückkehrte und ihn im Lichte seiner nachgewachsenen Erfahrungen & Erkenntnisse, aber auch seiner Träume & Fiktionen durchleuchtete.

Wie der gleich ihm militante französische Schriftsteller, spätere Kunsthistoriker & französische Kulturminister, der Gaullist André Malraux - der dem jungen Exilspanier als heroisch-antifaschistisches und literarisches Vorbild galt -, hat Jorge Semprún für seine intensivsten und wesentlichen Werke seine abenteuerliche Biografie zum Stoff genommen, der ihm nicht vergehen konnte, ohne immer wieder neu durchdacht zu werden.

Semprúns literarische Poesie ist die eines poeta doctus und Philosophen, deren komplexe Dialektik sich in einem widersprüchlichen Amalgam von Erinnerung & Reflexion, Imagination und Bezweiflung, Politik und Moral entfaltet. Er ist ein Schriftsteller des roman d´essai, der - um mit Arno Schmidt zu sprechen - das “Längere Gedankenspiel” favorisiert.

Jorge Semprún, der von Kindheit an deutsch gelernt hat, um - wie der Vater verlangte - philosophieren zu können, hat seine Liebe zur deutschen Geisteskultur des 19. Jahrhunderts, die er in Buchenwald (!) durch die Lektüre von Hegel und Schelling vervollkommnete, nie verloren. Es könnte sein, dass ihm seine deutschen Sprachkenntnisse auch das Leben gerettet haben. Gewiss hat aber der Respekt, die Bewunderung und sogar die Liebe, die seine “Buchenwald”-Romane vor allem in Deutschland gefunden haben, damit zu tun. Jorge Semprún, der gegen Nazideutschland kämpfte, hat uns literarisch vor Augen gestellt, dass man als gefangener Intellektueller in der tiefsten deutschen Selbsterniedrigung (im KZ), auch Dank der größten deutschen Kulturleistungen widerstehen kann.

Am heutigen 10. Dezember wird Jorge Semprún 85 Jahre alt.

Franziska Augstein hat ihm ihr kürzlich erschienenes Lebensbild “Von Treue und Verrat“ gewidmet.

Wolfram Schütte

Foto:© Jerry Bauer


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