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Freitag, 25. Mai 2012 | 08:35

Zum 20. Todestag von Albert Vigoleis Thelen

09.04.2009

Dem Juxer der Bitternis

„Kraus“ nannte Thomas Mann diesen Roman zunächst. Die Insel des zweiten Gesichts ist mittlerweile ein Klassiker, und es gilt - zum 20. Todestag des Dichters - diesen Glücksfall der deutschen Literatur und den Dichter als Ganzes wiederzuentdecken. Von CHRISTOPH POLLMANN

 

Er ging "auf die ausgedorrte deutsche Literaturlandschaft wie ein Platzregen auf vertrocknete Beete" nieder, hieß es 1953. In diesem Jahr legte Albert Vigoleis Thelen sein über tausendseitiges Manuskript Die Insel des Zweiten Gesichts vor. Die Kollegen der Gruppe 47 reagierten reserviert bis ablehnend und nur wenige erkannten ihn als wahren Künstler. Darunter aber solche Größen wie Thomas Mann, Siegfried Lenz, Martin Walser und Paul Celan.

Albert Vigoleis Thelen war ein großartiger Lügenbaron - melancholisch, gewitzt und immer irgendwie weltfremd. Sein Hauptwerk ist üppig, ja barock. Doch getragen von einem ganz eigenen, starken Willen - auch wenn sich die Niederschrift zunächst ziemlich herauszögerte:

"Die ganzen Fürfallenheiten, Geschehnisse der ‚Insel des Zweiten Gesichts' habe ich herumerzählt, bis dann eines Tages ein holländischer Verleger kam, Geert van Oorschot aus Amsterdam, und sagte: ‚Vigo, jej musst het shrijwen!“

Und dann schrieb Thelen. Neun Monate lang. Das Ergebnis: tausend Seiten Genialität! Ein Roman, wie es ihn bunter, witziger, melancholischer in Deutschland bisher nicht gab. Von Don Vigo handelt er und von seiner geliebten Beatrice, die stets auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf sind, aber auch nach einer Sprache fernab aller Gewalt.

„Da wollen wir doch mal gucken, was in dieser deutschen Sprache steckt. Ob man da nicht auch noch anderes damit machen kann, als Befehle zu brüllen und zum Mord anzustacheln“, sagte Thelen dereinst.

Vergnügte Misslaunigkeit

Thelen hat mit Die Insel des zweiten Gesichts eine ganzes Universum erschaffen, ein Zeitpanorama der Halbwelt, der heruntergekommenen Aristokratie, der Bohème, der Kriegshelden und Nazispione.
Thelen war dabei stets ein Juxer, jedoch einer der Bitternis, einer, der an seiner Misslaunigkeit auch ein gewisses Vergnügen fand, wie er des Öfteren betont hat. Aber gibt es überhaupt einen Schelm, der nicht voller Schwermut ist? Gibt es einen Clown, dem nicht die Träne in die Maskerade schmiert? Ist Heiterkeit ohne Melancholie überhaupt zu denken?

Albert Vigoleis Thelen wurde am 28. September 1903 in Süchteln geboren. 1925 nahm er sein Studium der Germanistik und Philosophie auf. 1931 ging er nach Mallorca, von wo er 1936 vor den Faschisten nach Portugal floh. Von 1947 bis 1954 lebte er in Amsterdam, danach 30 Jahre in der Schweiz, bis er 1986 in ein Seniorenheim kam. Albert Vigoleis Thelen starb dort am 9. April 1989. Zehn Jahre zuvor hatte er geschrieben:

"Die Uhr schlägt nicht. Weil nun auch dem Dichter nie die Stunde schlägt, er sie sich selber schlagen muss, nehme ich einfach ein Hämmerchen, wann es mir beliebt, denn ich bin als Dichter völlig frei, zu tun und zu lassen, was ich will. Ich schlage mir die Stunde selbst, bis sie mir dann von höherer Hand geschlagen wird."

 

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