Sissel-Jo Gazan ist diplomierte Biologin auf dem Spezialgebiet der Paläoornithologie. Als Autorin hat sie nun einen „Wissenschaftskrimi“ geschrieben und die Frage, ob Vögel Dinosaurier sind, ausführlich erörtert. Aber der Roman beschäftigt sich nicht nur mit ausgestorbenem Federvieh. Er ist zudem ein Beziehungs- Campus und Horrorroman. Oder kurz gesagt ein Verwicklungsroman, bei dem die Fäden wie auf einer Garnrolle erst entwickelt werden müssen.
Konsequent erhält der Leser in Gazans Roman erst tiefe Einblicke in das (Seelen-) Leben der drei Hauptpersonen, bevor die Handlung dann so richtig in Gang kommt: Anna Bella Nor, die stets wütende 26-jährige Biologiestudentin und alleinerziehende Mutter, wird von ihren Alltagsproblemen überrannt. Zu allem Überfluss gerät sie auch noch in Mordverdacht, als ihr Biologieprofessor von heimtückischen Parasiten infiziert, ermordet aufgefunden wird.
Søren Marhauge, der smarteste Kriminalkommissar Dänemarks, löst durch seine spezielle Ermittlungsstrategie des Rückwärtsstricken fast jeden Fall und übernimmt ohne zu Zögern die undurchsichtigen Ermittlungen. Doch seine Gefühle für Anna machen ihm einen Strich durch die Rechnung.
Der dritte im Bund ist Clive Freeman, der verblendete Paläoornithologe, der nicht erkennen will, dass seine wissenschaftliche Zeit abgelaufen ist. Er liegt mit der gesamten wissenschaftlichen Welt im Streit, muss sogar um seine Reputation fürchten und ist neben Anne einer der Hauptverdächtigen.
Und alle Figuren sind in mindestens einen weiteren Mordfall verwickelt!
Skandinavische Krimikönigin
Tanja Sieg: Ihr Roman ist in Dänemark ein Bestseller – mit 60.000 verkauften Exemplaren. Sind Sie überrascht?
Sissel-Jo Gazan: Ja, natürlich. Ich habe vor Dinosaurier Federn drei Romane geschrieben, die niemanden interessiert haben. Bei meinem neuen Roman stand ich am Kreuzweg. Wollte ich mich als Biologie oder als Autorin sehen? Schließlich habe ich mich für eine Kombination entschieden. Es scheint, ich habe mich für die richtige Lösung entschieden.
Tanja Sieg: In Ankündigungen ist zu lesen: Die skandinavischen Krimiköniginnen haben eine strahlende Konkurrenz bekommen. Fühlen Sie sich geschmeichelt?
Sissel-Jo Gazan: Ich bin da sehr realistisch. Norwegen und Schweden verfügen schon seit langem über erfolgreiche weibliche Krimiautoren, wie Anne Holt oder Liza Marklund. Hervorragende dänische Autorinnen wie Elsebeth Ekholm oder Sara Bladel haben sich leider noch nicht über die Landesgrenzen hinaus als Krimiautoren profiliert. Daher ist man froh, jetzt eine junge, aufstrebende Autorin gefunden zu haben, die diesen Platz füllt.
Klassischer Kriminalroman vs. Verwicklungsroman
Tanja Sieg: Würden Sie Ihren Roman als reinen Kriminalroman bezeichnen, bei dem die Suche nach dem „Whodunit“ im Vordergrund steht?
Sissel-Jo Gazan: Von außen betrachtet ist mein Roman ein echter Krimi: zwei Mordfälle und ein Kommissar. Ich hatte auch fest vor, einen reinen Kriminalroman zu schreiben, damit endlich meine Bücher verkauft werden. Aber es ist eher ein „Verwicklungsroman“ geworden, bei dem Fäden wie auf einer Garnrolle zusammengefasst sind, und es geht darum, die einzelnen Stränge zu entwirren.
Ich bin vor allem an der psychologischen Sichtweise auf meine Personen interessiert und so haben sich viele Geschichten eingeschlichen, die ich unbedingt erzählen musste. Der Kriminalfall ist dabei immer mehr in den Hintergrund geraten, wobei er durchaus ein handlungstragendes und spannungsförderndes Element ist.
Bei einer Lesung in Norwegen wurde ich sogar vorgewarnt, dass ich eventuelle schlechte Kritiken bekommen könnte, da die Norweger Hard-Core-Krimifans sind und echte „Whodunits“ lieben.
Tanja Sieg: Was interessiert den Leser an dem doch eigenwillig kombinierten Roman, der eine Genremischung aus Kriminal-, Campus-, Beziehungs- und Horrorroman ist?
Sissel-Jo Gazan: Das kann ich nicht genau sagen. Ich habe sowohl männliche als auch weibliche Leser. Jeder scheint sich das herauszunehmen, was ihn interessiert. Sei es die Beziehungsgeschichte zwischen der Biologiestudentin Anna Bella und dem smarten Kommissar Søren Marhauge, der Mord an dem Professor oder die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem sturen Clive Freeman.
Drei sind einer zuviel?
Tanja Sieg: Sie haben gerade die drei Protagonisten genannt. Weshalb drei?
Sissel-Jo Gazan: In meinen Romanen agiere ich immer mit drei Hauptpersonen. Sie spiegeln zum einen die verschiedenen Seiten des Lebens wider und zum anderen meine eigenen Seiten: das Wütende, das Resignierte und das Verblendete.
So auch in meinem neuen Roman: Anna ist unglaublich wütend. Ihre Wut ist unmotiviert und richtet sich gegen alles und jeden. Søren ist die Person, die ich am sympathischsten finde. Dennoch resigniert er, er regt sich nicht auf und fügt sich seinem Schicksal. Clive hingegen ist ein hoffnungsloser Fall. Er ist in seiner eigenen Person gefangen und verblendet.
Tanja Sieg: Sie nehmen sich sehr viel Zeit, die Personen aufzubauen.
Sissel-Jo Gazan: Oh, ja! Eigentlich hätte mein Roman locker 800 Seiten umfassen können, da mich, wie gesagt, die psychologische Entwicklung der Personen am meisten interessiert. Ich kann nicht mit der Handlung beginnen, ohne vorher die Personen psychologisch umfassend eingeführt zu haben. Ich weiß sehr wohl, dass mindestens 5% der Spannung verloren geht, sobald man in die Vergangenheit zurückgeht. Meine Stärke liegt aber eben darin, in der Vorwelt zu graben, um dann die Motivation in der Gegenwart erklären zu können. Nur allzu oft vermisse ich die psychologische Motivierung in Kriminalromanen: Weshalb reagiert die Person so und nicht anders.
Wissenschaftler sind Drama Queens
Tanja Sieg: Sie sind auch Biologin. Hat gerade diese Einsicht in die Welt der Wissenschaften sie dazu verleitet, Forscher als Drama Queens zu bezeichnen?
Sissel-Jo Gazan: Für mich ist das Verhalten hoch intellektueller Wissenschaftler teilweise unverständlich und es kommt mir tatsächlich wie ein „Drama im Sandkasten“ vor. Da wird auf der einen Seite auf hoch wissenschaftlicher Ebene diskutiert und argumentiert, auf der anderen Seite geht es nur darum, wer Recht hat und wer Unrecht. Ich habe während des Schreibens an meiner Diplomarbeit selbst erlebt, wie die Türen geknallt haben und einen tiefen Einblick in die eitle Seiten der wissenschaftlichen Seelen bekommen und halte alle Wissenschaftler für egozentrische Drama Queens.
Der skandinavische Krimi
Tanja Sieg: Ihr Roman wird mit Peter Høegs Roman Fräulein Smillas Gespür für Schnee verglichen. Wo sehen Sie selbst Parallelen?
Sissel-Jo Gazan: Peter Høeg hat den dänischen Kriminalroman aus der Schmuddelecke geholt und ihm einen intellektuellen Anstrich verliehen. Wissenschaft steht in meinem Roman ebenfalls im Vordergrund. Ich will den Leser nicht mit kleinen Informationen füttern, sondern herausfordern. Der Leser soll sich selbst seine Gedanken machen. Meine Leser sollen mit dem Roman wachse, ich will ihnen ein Teil vom Universum vermitteln.
Tanja Sieg: Haben Sie sich Anleihen bei anderen Krimiautoren geholt?
Sissel-Jo Gazan: Ich liebe Stieg Larsson! Ich habe seine Trilogie regelrecht verschlungen und war während der Lektüre drei Tage nicht zu erreichen. Außerdem lese ich gerne Jo Nesbø und halte Elsebeth Egholm für eine hervorragende Autorin.
Tanja Sieg: Stichwort: Der schwedische Krimi. Weshalb kommen so viele Krimis aus Skandinavien?
Sissel-Jo Gazan: Ich denke, es hat mit der Dunkelheit und mit den langen, kalten Wintern zu tun. Viele Skandinavier leiden unter Depressionen und da ist es naheliegend, sich mit Mordgedanken zu beschäftigen. Eigentlich muss man sich fragen, wie lange es noch Leute in Schweden gibt, bei der Vielzahl der schwedischen Autoren und deren Mordraten … Besonders bedenklich ist die Situation in Norwegen. Es ist ein Land mit nur 4 Millionen Einwohnern und hat mit Jo Nesbø einen Autor, der sich auf Serienmörder spezialisiert hat …
Mord als Unterhaltung
Tanja Sieg: Sie leben seit einiger Zeit in Berlin. Haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb der skandinavische Krimi so viele Anhänger in Deutschland findet?
Sissel-Jo Gazan: Tja, ich habe da meine ganz eigene Vermutung. Ich denke, es hat mit dem Gewaltpotenzial der verschiedenen Länder zu tun. Um es auf einen Satz zu bringen: Je weniger eine Gesellschaft sich mit alltäglicher Gewalt auseinandersetzen muss, desto gewalttätiger ist die Literatur, die gelesen wird.
In Skandinavien und Deutschland gibt es selbstverständlich auch Kriminalität, aber man muss nicht Angst haben, dass das Kind nach der Schule nicht nach Hause kommt. Hier ist Mord eher Unterhaltung, weil die Realität in der Regel nicht lebensbedrohlich ist.
Ich persönlich lehne Romane ab, die allzu gewalttätig sind oder bei denen die inneren Organe der Opfer dem Leser nur so um die Ohren geschlagen werden. Ich wollte keinen Roman schreiben, in dem Frauen geschlagen, vergewaltigt oder umgebracht werden. Selbstverständlich ist auch meine Romanfigur Anne Bella ein Opfer, aber sie schafft es, sich aus dieser Rolle zu befreien.