Tor Åge Bringsværd im Gespräch
14.06.2010
Jesus liebt keine Schweine
Science-Fiction, Rebellion und Schweinskram – nicht selten werden die unkonventionellen Werke des norwegischen Autors Tor Åge Bringsværd mit entsprechenden Schlagwörtern betitelt. In seinem neuen Roman Die Frau, die allein ein ganzer Tisch war geht es zwar weniger um alternative Weltanschauungen, sondern viel mehr um eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Da darf der Schweinskram selbstverständlich nicht fehlen. TANJA SIEG hat den Roman gelesen und sich mit dem Autor unterhalten.
Schweine spielen in den Werken des norwegischen Autors Tor Åge Bringsværd stets eine große Rolle. In seinem gesellschaftskritischen Science-Fiction Roman Puder oder Sleeping Beauty in the Valley of the Wild, Wild Pigs (2008 bei Onkel&Onkel erschienen) sind die Menschen eine Herde Schweine, "die aus ihrem Stall auf dem Planeten BX 314 ausgebüchst ist." Die Schweine sind nun auf der Erde gelandet und können sich nicht an das Geringste mehr erinnern.
In Bringsværds soeben ebenfalls bei Onkel&Onkel erschienenen etwas anderem Liebesroman Die Frau, die allein ein ganzer Tisch war ist es das Schwein des Todes, das der Protagonist Sigurd versucht einzufangen. "Oink – oink – oink!, johlte Sigurd und hämmerte mit der Krücke auf den karierten Steinboden."
Und in Jesus elsker ikke griser (Jesus liebt keine Schweine) widmet Bringsværd dem Schwein sogar eine eigene Kulturgeschichte, in dem er sich mit dem Schwein Nasse Nøff auf kulturkritische Gespräche einlässt.
Genauso ungewöhnlich wie diese tierische Vorliebe istTor Åge Bringsværds umfangreiches Werkverzeichnis. Tor Åge Bringsværd, 1939 in Skien/Telemark geboren, ist in seinem Heimatland ein hoch angesehener Autor, der seit seinem Debüt in den 60er Jahren zahlreiche Werke veröffentlicht hat: Science-Fiction Romane, Novellen, Mittelalterromane, Kriminalromane, Theaterstücke, Kinderbücher u.v.m. Bei dieser Vielzahl der Erscheinungen ist es nicht leicht, den Autor auf ein bestimmtes Genre festzulegen.
Diese Struktur setzt sich bei seinem neuen Roman Die Frau, die allein ein ganzer Tisch war fort, der eine Art Liebesgeschichte behandelt und gleichzeitig ein Buch über Identitätsfindung ist. Hauptperson ist der Bauchredner Sigurd, der bei einer schweren Brandkatastrophe ein Bein verliert und zur Genesung in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wird. Sigurd kapselt sich nach diesem traumatischen Erlebnis vollkommen ab und nur über seine zwei Handpuppen Balder und Bodil kommuniziert er mit seiner Umwelt. "Im Großen und Ganzen liegt er einfach mit offenen Augen da und schaut dumm aus der Wäsche. Dumme und verbrannt." Lediglich die kleine pummelige Krankenschwester mit der Hasenscharte kann er leiden.
Ansonsten versucht Sigurd langsam wieder auf die Beine zu kommen, doch der Wundheilungsprozess verläuft nur langsam. Zudem kämpft Sigurd mit seelischen Schmerzen, da er seine unerfüllte Liebe zu Agnete, eine Frau, die er nur auf Abstand lieben konnte, zu verarbeiten versucht. Auf einem Tisch sammelt Sigurd alles, was er über sie weiß. "Alle Erinnerungen. Alle Geheimnisse. Alle Phantasien. Ausschnitte, Bilder, Kleinigkeiten." Er selbst sieht sich inmitten dieser Erinnerungsstücke als schwarzer Legostein, was den Therapeuten der Anstalt zahlreiche Kopfschmerzen bereitet.
Außerdem ist Sigurd besessen davon, das Schwein des Todes, das nachts an seiner Krankenzimmertür schnüffelt, zu fangen. Dann könnte Sigrurd "vielleicht alles zurückspulen und die Antwort auf sämtliche Mysterien finden …"
Skurril, abstrus, grotesk, aberwitzig, humorvoll und einfühlsam zugleich erzählt Bringsværd den Genesungsprozess und damit verbunden die Identitätsfindung des eigenwilligen Bauchredners. Kleine Episoden aus dem Anstaltsleben mit Elvis und der Luftgitarre oder mit dem blinden Mönch Antonius würzen dabei den Aufenthalt genauso wie die wehmütigen Erinnerungen an seine unerfüllte Liebe zu Agnete.
Wer Agnete eigentlich ist oder war, was der schwarze Legostein bedeutet oder was es mit dem Tisch auf sich hat, bleibt allein der Auslegung und der Fantasie des Lesers überlassen, denn Bringsværd gibt keinerlei Deutungshilfen.
Kinderbuchautor und Anarchist
Das folgende Interview fand in einer Kreuzberger Kneipe statt. Mit von der Partie war auch der Verleger von Onkel&Onkel Volker Oppmann, der das Buch in einer fantastischen Übersetzung aus dem Norwegischen ins Deutsche übertragen hat.
Mit der Veröffentlichung des neuen Romans verbindet der Verlag laut Pressemitteilung nicht nur Print- und eBook-Ausgabe parallel, sondern lässt es als Bundle erscheinen. D.h. jedes Buch ist auf dem Vorsatzpapier mit einem individuellen Freischaltcode für die eBook-Ausgabe bedruckt, der über textunes eingelöst werden kann.
Tanja Sieg: Sie schreiben Bücher für Kinder und für Erwachsene. Haben Sie jeweils ein spezielles Publikum vor Augen?
Tor Åge Bringsværd : Nein nicht unbedingt. Kinder sind genauso klug wie Erwachsene. Sie verfügen lediglich über weniger Spracherfahrung. Daher muss ich eine andere Sprache verwenden, d.h. Fremdwörter auswaschen oder kurze Sätze schreiben. Ich habe dabei gelernt, neu zu schreiben. Wenn ich bspw. beschreiben will, wie eine Person weint, so könnte ich über zwei Seiten hinweg erzählen, wie die Tränen die Wange herunter laufen, die Augen sich röten und anschwellen, die Nase läuft etc. Ich kann aber auch nur schreiben: "Er weint." Pause. Dann geht es auf der nächsten Seite weiter.
Sie werden als Anarchist und Untergrundschreiber beschrieben. Wie sehen Sie sich?
Tor Åge Bringsværd: Ich war schon immer ein Anarchist. Ich schreibe, wozu ich Lust habe und über das, was mich inspiriert. Ich schreibe nie über etwas, was ich verstehe und kenne. Das ist langweilig. Ich schreibe stets über etwas, was ich nicht verstehe und was ich ausforschen möchte. Das fasziniert mich. Es ist wie beim Kochen. Man probiert neue Gewürze aus und weiß letztendlich nicht, wie die Suppe danach schmeckt.
Was inspiriert Sie zum Schreiben?
Tor Åge Bringsværd: Wenn ich beispielsweise über ein Haus schreibe, dann beschreibe ich nicht akribisch genau, was sich in dem Haus befindet. Vielmehr gehe ich in das Haus hinein und lasse mich hinziehen. Plötzlich entdecke ich hinten in der Ecke einen Gang. Da führt eine Treppe hinauf in einen weiteren Raum und schon bin ich in der Geschichte drin.
Klappernde Garagentore
Wie setzen Sie Ihre Handlung und Struktur zusammen?
Tor Åge Bringsværd: Ich plane nie eine Handlung. Das Ende kenne ich ebenfalls niemals. Wenn eine Geschichte funktioniert dann hält sie bis zum Ende durch. Kürzlich saß ich am Strand und dachte über eine neue Geschichte nach: Ein Mann kommt als einziger Überlebender aus der Wüste in eine Stadt. Um ihn herum nur Häuser, die zum Leben erwacht sind. Plötzlich stürmen Garagen auf ihn zu und klappern bedrohlich mit ihren Garagentoren. Dann stockte die Geschichte und ich kam nicht weiter. Diese Handlung verfolge ich dann erst einmal nicht weiter.
Tanja Sieg: Und welche Idee hat sie zum Schreiben von Die Frau, die allein ein ganzer Tisch war veranlasst?
Tor Åge Bringsværd: Das weiß ich nicht mehr. Die Idee mit dem Buch hatte ich schon seit Längerem. Sie tauchte immer mal wieder auf. Zuerst sollte es eigentlich eine Stadt sein, die ich wieder auferstehen lassen wollte, doch dann habe ich mich für eine Frau entschieden.
Entsprechend kann ich nie sagen, wie lange ich an einem Werk geschrieben habe. Den reinen Schreibprozess kann ich natürlich an wenigen Monaten festmachen. Doch die Beschäftigung mit der Idee und der Geschichte findet viel früher und über einen längeren Zeitraum statt.
Kollektivarbeit von Text und Autor
Verwerfen Sie auch hin und wieder ihre Projekte?
Tor Åge Bringsværd: Ja, das kommt vor, wenn eine Geschichte nicht funktioniert. Das Schreiben ist eine Kollektivarbeit von Text und Autor. Durch den Autor erhält der Text, die Erlaubnis zu leben. Somit verwerfe ich nie bereits geschriebene Seiten oder reiße sie heraus. Für mich ist der Schreibprozess wie das Leben selbst. Wenn etwas Unangenehmes in der Vergangenheit geschehen ist, kann man ebenfalls nicht einfach zurückgehen und das Ereignis löschen. Man muss versuchen, damit zu leben. Mit dem Schreiben verhält es sich genauso. Ich gehe niemals zurück oder verändere etwas nachträglich.
Das klingt so, als ob das Schreiben für Sie ein sehr ernster Prozess ist.
Tor Åge Bringsværd: Ich würde eher sagen, das Schreiben ist wie das Leben selbst ein unvorhersehbarer Prozess. Daher wirken meine Figuren immer unvollständig und nie wie aus einer Form gegossen. Meine Personen sind irrationale Menschen – wie im richtigen Leben.
Der Deutungsmöglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt
Sie wählen ungewöhnliche Titel für Ihre Werke. In welchem Verhältnis stehen diese zum Buch selbst? Ist es ein Gesamtkunstwerk oder eine Hilfestellung zur Erklärung des Inhalts?
Tor Åge Bringsværd: Sowohl als auch. Meistens habe ich erst den Titel und dann kommt die Geschichte. Bei Die Frau, die allein ein ganzer Tisch war war das allerdings umgekehrt. Da hatte ich schon die Geschichte. Der Titel ist mir übrigens während einer Vorlesung eingefallen, die ich zum Thema Mittelalterdichtung in Kopenhagen gehalten habe.
Bei dem Titel zu dem Roman Puder oder Sleeping Beauty in the Valley of the Wild, Wild Pigs dachte ich, dass Puder sowohl alles beschönen und glätten kann, aber auf der anderen Seite alles Hässliche zudeckt.
Würden Sie somit sagen, dass Sie ein gesellschaftskritischer Autor sind?
Tor Åge Bringsværd: Sicher ist mein Roman Puder gesellschaftskritisch, aber er bleibt dabei fiktional. Viel wichtiger sind für mich hypothetische Fragen. Wenn ein Politiker interviewt wird und der Journalist fragt: Was würden Sie machen, wenn…" Dann antwortet der Politiker, dass das eine hypothetische Frage sei. Eine konkretere Frage wird gestellt. Ich aber hake genau hier nach.
Die Welt ist ein Schweinestall
Es tauchen in Ihren Werken immer wieder Schweine auf. Weshalb gerade Schweine?
Tor Åge Bringsværd: Ich liebe Schweine. Ich habe eine Kulturgeschichte über das Schwein geschrieben mit dem Titel Jesus elsker ikke griser - kulturkritiske samtaler med Nasse Nøff (Jesus liebt keine Schweine - kulturkritische Gespräche mit Nasse Nøff). Die Recherchearbeit dazu, u.a. Gespräche mit Schweinezüchtern, war äußerst interessant. Leider haben sich nicht allzu viele Leser gefunden, die meine Leidenschaft teilen.
Zudem war ich bei meiner Übersetzung von A. A. Milnes hervorragenden Büchern von Pu der Bär ins Norwegische immer wieder begeistert von den Gesprächen, die der kleine Bär mit dem ängstlichen Ferkel führt. Einfach herrlich!
Es heißt mitunter in ihren Romanen, die Welt sei ein Schweinestall. Lieben Sie es, den Leser zu provozieren?
Tor Åge Bringsværd: Nein, ich will meine Leser nicht provozieren. Das kann ich gar nicht. Denn nach dem Schreiben von meinetwegen 15 Seiten weiß ich selbst nicht, wie es auf Seite 16 weitergeht. Ich bin vielmehr auf gleicher Augenhöhe mit dem Leser. Wenn ich schreibe, denke ich nicht an den Leser.
Der dichtende Leser
Wie wichtig ist für das Verständnis Ihrer Romane, die Fähigkeit Bilder im Kopf zu sehen?
Tor Åge Bringsværd: Das ist sehr wichtig! Sowohl für den Leser als auch für mich als Autor. Wenn ich schreibe, habe ich viele Gedanken im Kopf. Diese wandern durch den Arm in meine Hand und werden auf dem Papier zu kleinen winzigen schwarzen Zeichen und dann zu einem zusammenhängenden Text. Diese Zeichen wiederum wandern zurück in den Kopf des Lesers und entwickeln sich dort zu Bildern. Der dichtende Leser entsteht! Ein Buch ist eine Gemeinschaftsarbeit von Autor und Leser. Schreiben und Lesen sind für mich unweigerlich miteinander verbunden. Schreiben ist Magie und Zauberei zugleich.
Tanja Sieg: In Ihrem neuen Buch schreiben Sie: "Die Erzählung dominiert unsere Wirklichkeit." Wie wichtig ist Ihnen das Erzählen?
Tor Åge Bringsværd: Alles Denken ist Erzählen. Erzählen ist Vergleichen. Man erzählt etwas und vergleicht es dabei mit etwas anderem. Denken Sie nur an die Geschichten, die Jesus in der Bibel erzählt. Geschichten sind wirklicher als die Wirklichkeit selbst.
Ich persönlich würde mir wünschen, dass der Sozialrealismus in der Literatur ausstirbt. Denn der Sozialrealismus beansprucht für sich die Deutung der Wirklichkeit und beansprucht ein Monopol darauf. Meiner Meinung nach sind fantastische Geschichten, die vor der Wirklichkeit fliehen, wahrhafter.
Fiktion und Wirklichkeit
Was ist wahr? Was ist unwahr? Geben Sie Antworten in Ihren Texten?
Tor Åge Bringsværd: Nein, ich gebe nie Hilfestellung. Denn selbst wenn zwei Leute das gleiche Buch lesen, können ganz unterschiedliche Lesarten herauskommen. Außerdem sind meine Romane keine eingeübten Stücke. Ich setzte viel mehr auf Improvisation. Ich selbst bevorzuge Bücher, die ich nicht verstehe. Für mich gilt vielmehr: Wer mit beiden Beinen auf dem Boden steht, steht still.
Sie tragen eine Tasche bei sich, mit der Aufschrift "Reality is what ever refuses to go away, when I stop beliving in it."
Tor Åge Bringsværd: Ja, die Tasche ist ein Geschenk und das Zitat stammt leider nicht von mir, sondern von Phillip K. Dick. Ich habe leider noch nicht herausgefunden, aus welchem Werk der Satz stammt. Aber er ist herrlich, nicht wahr!
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