Ob der Vorwurf einer kindlich einfachen Sprache gilt oder nicht, Tatsache ist, dass Schmitt für die Geschichten seines Zyklus des Unsichtbaren Kinder als Hauptfiguren gewählt hat.
Warum Kinder, Herr Schmitt?
Das Kind ist der philosophische Held par excellence. Platon sagt es schon: Die erste philosophische Tugend ist das Staunen. Die Fähigkeit zu philosophieren besteht erstens darin, Fragen zu stellen, und dann, die Fragen allein mit der eigenen Vernunft zu beantworten. Was beschreibt Platon da, wenn nicht die Kindheit? Ich wollte das Kind rehabilitieren. Das Kind ist nicht durch Wissen beschwert. Es stellt die Fragen aufrichtig, und stellt nur Fragen, die sich ihm wirklich stellen, eben weil sie lebenswichtig sind.
Also sind die Kinder ihrer Kurzgeschichten alle wie der kleine Sklave aus Platons Menon, der durch Sokrates befragt den Satz des Pythagoras selbständig entdeckt?
Diesen kleinen Text habe ich immer geliebt.
Außerdem habe ich als Lehrer die gleiche Erfahrung gemacht. Ich habe an einem philosophischen Experiment mit Kindern zwischen zehn und elf Jahren teilgenommen. Natürlich war ich am Anfang sehr skeptisch. Wovon rede ich wohl mit Zehnjährigen? Aber am Ende habe ich mit Ihnen existentielle, theologische, metaphysische Gespräche geführt! Und von solcher Reinheit, so treffend! Ich hatte dummerweise gemeint, meine Kultur sei ein Mehrwert, aber eigentlich ist Hellsichtigkeit das Wesentliche. Hauptsächlich diese umstürzende Erfahrung hat zum Zyklus des Unsichtbaren geführt.
Wollten Sie nicht mittels der Kinder, auch die Gelegenheit herbeiführen, einen Erzieher sprechen zu lassen?
Hm, nicht wirklich. Die Beziehung ist hier nicht pädagogisch, dafür bin ich viel zu sehr Anhänger von Diderot. Diderots Dialog ist nicht Platons Dialog. Es gibt nicht einerseits denjenigen, der weiß und andererseits denjenigen, der nicht weiß. Meine Erwachsene wissen nicht, aber sie legen Zeugnis ab.
Außerdem gibt es eine Dialektik in der Beziehung. Das Kind bringt dem Erwachsenen genauso viel wie der Erwachsene dem Kind. Sehen Sie sich den letzten Brief der Dame in rosa an, nach dem Tod des kleinen Oskar. Er enthält weder Wut noch Beschuldigungen. Es ist ein Dankschreiben. Die Dame in Rosa fühlt sich in der Liebe bestärkt und für die kommenden Jahre aufgeladen. Sehen Sie Monsieur Ibrahim. Er stirbt glücklich. Keiner hatte auf den Lebensmittelhändler Acht gegeben; der kleine Momo hat aus ihm einen Grossen gemacht.
Symptomatisch genug haben auch die Kinder Liebesgeschichten. Im Rest Ihres Werkes kommt das Motiv des Begehrens erst recht zum Ausdruck: Liebesgetändel, extravagante Erotik, Geschlechtsverwechslung. Dunkel zehrend mit Don Juan oder naiv schwämerisch mit Odette Toutlemonde. Die erotische Spannung durchzieht ihre Stücke und Kurzgeschichten. Es ist auch Ihre Lesart von Diderot, dass er die Philosophie als Erotik übt …
Diderot schreibt: „Meine Gedanken, das sind meine Huren.“
Erstens ist es eine schlichte Tatsache, dass es eine Lust am Denken gibt. Fragen Sie alle Leute, die Mathematik oder Philosophie treiben: Es ist wirklich eine Freude zu kombinieren, zu entwerfen, zu phantasieren … Aber nicht nur. Es ist auch notwendig, mit den Ideen zu flirten, zu liebäugeln, sich einer Gegenthese vorläufig anzuschmiegen.
Aber Achtung, diese Erotik ist kein Mangel an Respekt. Es ist eine fröhliche Erotik; wir sind eher bei Casanova als bei Don Juan. Man lässt sich vom anderen und seiner Welt faszinieren, man bekommt seine Andersartigkeit zu spüren. Eigentlich geht es immer noch darum, mit der Monomanie der Wahrheit Schluss zu machen.
Das Begehren als Prinzip der Bewegung?
Genau. Und die Idee, dass Anhalten eine Inkonsequenz ist.
Also ist nicht der Freigeist der Schwache?
Nein, ich will den Freigeist nicht als Opfer seiner unbeständigen Gemütsart darstellen. Seine Unstetigkeit kommt aus tiefer Neugier. Unbeständigkeit ist die wahre Reise.
Geradezu flatterhaft springen sie zurzeit von einem Projekt zum Anderen. Jetzt gerade probieren Sie zum zweiten Mal ihr Glück im Kino! [Anm. d. Red.: Gemeint ist hier Oscar et la Dame en rose]
Mein Leben ist vom Begehren regiert. Im Ernst! Und das Begehren ist auch stärker als alle Ängste. Als ich vom Theater zum Roman gewechselt habe, hat man wohlmeinend versucht, mich davon abzuhalten. „Machen Sie das bloß nicht!“, hat man damals gesagt. „Sie sind doch schon als ein großer europäischer Dramaturg anerkannt. Die Kritik wird Sie totschlagen!“
Es-ist-mir-e-gal. Ich mache das, was ich will. Ich gehe dahin, wo die Lust am Schaffen mich hintreibt.
Und dann gibt es einen anderen Grundsatz, dem ich folge. Die Schriftsteller irren sich darüber, was sie gut können. Ich will nicht allein entscheiden. Dafür brauche ich die anderen. Voltaire war überzeugt, er sei ein großer Tragöde – zum Glück hat er ja auch noch ein paar Briefe und Märchen hinterlassen …
Nun, ich habe mich entschieden: Um nicht fehlzugehen, will ich einfach multiplizieren! Lieber gleich Überfülle, statt eine bedachtsame, ängstliche, lähmende Verstopfung.
