Ohne zu Idealisieren vermitteln ihre Bilder die Schönheit der sehr harschen Landschaft Anatoliens. Schöpfen Sie für diese verborgene Schönheit aus eigenen Erfahrungen?
„Yumurta“ und „Süt“ wurden an einem Ort gedreht, der ganz in der Nähe der Kleinstadt meines Vaters liegt, wo mein Großvater immer noch lebt. Die Landschaft ist sehr naturbelassen. Ich habe sehr viele Tage damit verbracht, durch die Natur zu wandern, um zu genesen. Ich streife immer noch so durch die Natur, um gesund zu werden. Dadurch, dass das moderne Leben das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur zerstört hat, spüren wir, dass wir noch einer größeren Kraft unterstehen als der eigenen und in einen größeren Kosmos eingebunden sind. Ich glaube, dass der Verlust der Verbindung schuld ist, dass der Mensch hin und her gewirbelt wird in der Geschichte und es mit der Gesellschaft Berg ab geht. Die Natur ist Teil der Verbindung zwischen allem, was existiert. Ich denke, die Ordnung des Universums ist eine einzige. Diese Vorstellung versuche ich in meinen Filmen zu vermitteln.
Die Abhängigkeit des Menschen von der Natur zeigt sehr eindringlich die Anfangsszene von „Bal“. Ist dieses Erfahrung, dass die Natur bedrohlich und tödlich sein kann, auch für Menschen wie Yusufs Vater, die mit ihr in Symbiose leben, Grund für Yusuf, sich von seinen ländlichen Wurzeln zu lösen?
Man muss sehen, dass die Trilogie nicht als Fortsetzung gedacht ist. Die Filme stehen jeweils für sich und sind in sich geschlossen. Das betrifft auch die Konflikte, die in jedem Alter andere sind. Die Fragen des reifen Yusuf sind viel existenzieller. Es gibt bei jedem der drei Yusufs unterschiedliche Motivationen für das Handeln. In „Süt“ geht es um den Kampf des sehr romantischen jungen Mannes mit der Natur in sich selbst, um seinen Konflikt mit Tradition und modernem Leben. Er kämpft mit seiner Mutter, der Lyrik,den Naturgewalten um sich. In „Yumurta“ geht es eher um eine Wiederbegegnung mit der Natur, der äußeren und inneren.
In „Bal“ kommunizieren Vater und Sohn verbal und mit Gesten. Beide sind oft in warmen Licht dargestellt, die Mutter aber ist eine „Schattenfigur“. Nie entsteht ein Wortwechsel zwischen Sohn und Mutter.
„Bal“ ist als Film angelegt, bei dem die Vater-Sohn-Beziehung im Mittelpunkt steht. Deshalb habe ich die Mutter eher zu einer „Haus-Frau“ gemacht, der Yusuf innerhalb des Hauses begegnet. Der Vater teilt Geheimnisse mit dem Sohn, während die Mutter sich mehr um Konkretes kümmert: Trink deine Milch, mach deine Hausaufgaben, bist du hungrig? Yusufs Beziehung zur Lyrik entsteht durch das Verhältnis zum Vater. Die Mutter ist eher autoritär. Auch im Landleben Anatoliens ist es so, dass Mütter zu den Söhnen eine Distanz einhalten. Damit die Söhne zu Männern werden, glauben viele, dass sie eine harte Hand brauchen. Ich glaube, dass unter Menschen, die sich mit der Natur auseinandersetzen müssen, die zwischenmenschlichen Beziehungen härter sind. Yusuf kommuniziert nicht gerne, er stottert. Er ist ein sehr fragiler Junge und schämt sich vor seiner Mutter.
Schließt das Schweigen Yusufs als Kind den Kreis zum älteren Yusuf, der sich über seine Poesie ausdrückt? Ein äußeres Schweigen, um die innere Stimme zu hören?
Ja. Ich glaube Lyrik ist etwas, das man der Alltagssprache abtrotzen muss. Etwas, gegen das die Sprache steht, das sie stört und zerstört, was gleichzeitig aber etwas sehr Menschliches ist. Es erinnert daran, dass es lohnenswert ist, zu schweigen, still zu beobachten, wie sich die Distanz oder Nähe zwischen Namen, Worten und Dingen im Einzelnen gestaltet, die Wärme und Kühle zwischen den Dingen und der Sprache zu verstehen. Das ist das Geheimnis von Yusuf.
