the crazy hooverman
Mit seinem 2001 auf Hausmusik erschienenen Debut „this is carlo fashion“ führt Oesterhelt mit Carlo Fashion quasi eine „musikalische Kollektion“ ein. Wie bei einem guten Modelabel ist er dabei auf Traditionen wie neue Strömungen gleichzeitig ausgerichtet. Alles ist erlaubt, und alles einem nicht unbeträchtlichem Tempo unterworfen (bis heute gibt es sechs Veröffentlichungen unter diesem Namen). Das Debut, oft als erster Teil einer Trilogie („I am the crazy hooverman“ und „pieces for acoustic instruments and synthesizers“ folgten) gesehen, verknüpft analoge und digitale Instrumentalparts zu einer abenteuerlichen Abfahrt, die weder mit üblichen Indietronics noch mit offensichtlichen Exotica-Rip-offs zu tun hatte.
Neben der Liebe zur Klassik scheint musikalisch und auch in den Titeln, die Liebe zur Heimat („B11“/ „Starnberger See“) genauso durch wie die Neugierde auf andere Kulturen („Bombay Jazz“, „Romanien Fantazy“, „Sofia so far...“): „Ich betrachte meine Musik als eine Art Tagebucheintrag. Es geht um Momentaufnahmen, es geht nicht so sehr um Perfektionismus. Ich möchte meine Ideen schnell umsetzen. Zu große Ernsthaftigkeit sehe ich dabei als Beschränkung.“
Und wie in einem Tagebuch spielen auch in den Kollektionen Carlos Freunde eine große Rolle. Er schreibt die Stücke, packt die Noten unter den Arm und klappert Freunde und Musikerkollegen ab. Die Aufnahmen entstehen in den Zimmern der einzelnen Musikern. Ergänzt durch obskure Samples vervollständigt sich am Computer bzw. Synthesizer ein dichtes Soundgebräu, das aufgrund der ausgefeilten Kompositionen und des professionellen Masterings durch Michael Heilrath trotz aller Stilvielfalt absolut stimmig erscheint. Der Einfluss der Klassik und Carls Liebe zu russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts scheinen ab dem zweiten Album immer deutlicher durch.
„Die Autobahn München-Salzburg-Linz-Wien. Genüßlich vertiefte Gespräche über alle Arten von Musik, logisch über Thelonious Monk, logisch über Sun Ra und Theo Parrish, aber auch regelmäßig über die klassischen Komponisten und deren heutige Interpreten“, erhellt Thomas Meinecke auf der Rückseite des Covers die (Un-)Tiefen der Inspiration. Vielleicht kann man Carls Herangehensweise an die sogenannte Neue Musik in gewisser Weise mit der von Außenseitern wie Monk, Sun Ra oder Moondog an den Jazz vergleichen. Erwartungshaltungen eines Genres interessieren hier nicht, es geht um die pure Lust - und vielleicht auch den Zwang - die Musik aus dem Kopf auf die Platte oder Bühne zu transportieren.
Seine offene Herangehensweise an die Fortführung Neuer Musik mit anderen Mitteln steht im Kontrast zum momentanen „Mikrotrend“, elektronische Musik mittels Klassik (z.B. Carl Craigs und Moritz von Oswalds Beitrag zur »ReComposed«-Reihe der Deutsche Grammophon oder das Projekt „Aufgang“) Seriosität zu verleihen. Während hier Ravel in den Clubkontext transportiert wird, werden dort Ernsthaftigkeit und Authentizität von vornherein bezweifelt und Zuordnungen vermieden. Bereits als Jugendlicher komponierte Carl klassische Stücke, was in einem von spätgeborenen Mods-, The Smiths- oder Punk-Fans geprägten Umfeld sicher nicht das bestimmende Gesprächsthema war. Doch auch wenn das Interesse an Komposition und Klassischer Musik blieb, schlug er nie den akademischen Weg ein.
Nachdem Carlo Fashion immer wieder Vergleiche mit Filmmusik heraufbeschwört, stellt sich die Frage, ob er in diesem Bereich tätig ist. Doch Versuche in diese Richtung scheiterten an zu strikten Vorgaben bzw. der Ablehnung bereits existenten Materials. Mehr Freiheit lassen da Arbeiten im Bereich Hörspiel (unter anderem Michaela Melians preisgekrönte BR-Produktion „Föhrenwald“) oder Theater. Hier gibt es Aufträge von den Kammerspielen, wo Goldene Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun als Regisseur tätig ist. Bei der Ruhrtriennale übernahm Carl Oesterhelt 2008 die musikalische Leitung bei „Westwärts“, wobei Kamerun ebenfalls Regie führte. Solche Aufträge bringen im Gegensatz zu den Nischenprodukten der Carlo-Kollektion Geld in die Kasse. Aber sicherlich nicht in einem Ausmaß, das ein Leben im Überfluss in Deutschlands teuerster Stadt ermöglichen würde.
Womit sich Oesterhelt längst arrangiert hat. Wahrer Luxus sind für ihn ein vertrautes Umfeld und größtmögliche Freiheit. Der Umzug nach Berlin, oder andere vermeintlich künstlerfreundliche Metropolen war dabei nie eine Option. Musikalisch gesehen ist die größte Freiheit, keinerlei Genre-Schubalden zu bedienen. Und so lässt sich Carl auch nicht unter die naheliegende „Resteschublade“ Avantgarde subsumieren.