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Freitag, 25. Mai 2012 | 08:50

 

TITEL-Interview mit Manfred Theisen

27.09.2010

In die Recherche gesteigert

In den letzten Jahren erschien im Jugendbuchbereich wenig zum Thema „Nationalsozialismus“. 2010 nun kommen gleich zwei spektakuläre Titel, nämlich Blumen für den Führer von Jürgen Seidel und jetzt Ohne Fehl und Makel, auf den Markt. BEATE MAINKA traf den Autor.

 

Beiden Titeln gemeinsam ist, dass sie die bisher gewohnte Erzählperspektive aus Opfersicht wechseln, die Protagonisten beider Romane gehören der Schicht der Täter an, die Eltern sind aktive Nationalsozialisten. Seidel hat dafür teils harsche Kritik einstecken müssen. Was hat Sie zu diesem Perspektivwechsel bewogen?

 

Der Held ist ja kein Täter. Am Anfang des Romans identifiziert er sich mit den Ideologien des Nationalsozialismus, da sein Vater sein Vorbild ist. Dann aber distanziert er sich und erkennt die dunkle Seite der Ideologie. Sein Vater hingegen spielt im Nationalsozialismus mit und spielt später in der Bundesrepublik mit – so wie es wohl die meisten getan haben. Der Held jedoch erkennt den Opportunismus. Ich würde den Protagonisten also niemals als Täter sehen. Er ist ein Kind, das langsam seine moralischen Werte in einem barbarischen System entwickelt.

 

Der Lebensborn e.V. ist ein Teilaspekt des Nationalsozialismus, dem bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Wie kamen Sie auf die Idee, über dieses bis heute spekulative und heikle Thema ausgerechnet ein Jugendbuch zu schreiben?

 

Es war der Verlag, der mit dieser Idee an mich herantrat. Eine Auftragsarbeit im klassischen Sinne. Dann entwickelte sich die Sache jedoch in mir. Und ich habe viel Zeit damit verbracht, mich in das Thema einzuarbeiten und mich mit den  Ideologien auseinander zu setzen. Je klarer mir wurde, wie aktuell das Thema ist, desto mehr habe ich mich in die Recherche gesteigert.

 

Das Verhältnis zwischen Ihrem Helden Fritz und seinem Vater, der leitender Arzt im Lebensbornheim ist, ist sehr ambivalent beschrieben und schwankt zwischen echter Zuneigung und Angst. Gleichzeitig schützt der Vater seinen Sohn vor genau dem, was er selber praktiziert. Zielen Sie Verständnis für die Täter?

 

Nein. Verständnis ist das falsche Wort. Das wäre der erste Schritt zum Mitleid. Mein Opa war im KZ inhaftiert und unsere Familie ist dadurch stark geschädigt worden. Meine Oma hätte lieber einen Mann wie Fritz´ Vater gehabt, der sich um seine Kinder kümmert statt wegen seiner Überzeugung ins KZ gesteckt zu werden. Die Konsequenz in unserer Familie war, dass die ganze Familie durch Opas Verhalten gedemütigt wurde. Der Vater in Ohne Fehl und Makel macht mit, schützt so sein Kind und schickt gleichzeitig beeinträchtigte Kinder nach Wien. So würden vermutlich die meisten Menschen handeln. Sonst würde es keinen Opportunismus geben. Aber Verständnis habe ich keins. Dann müsste ich ja auch Verständnis für blanken Egoismus haben. Ich kann es höchstens registrieren, dokumentieren und wie in „Kein Fehl und Makel“ in einem Roman darstellen.

 

"Eher frisst ein Tiger Kopfsalat!"

In Ihrem Nachwort ziehen Sie Parallelen zwischen der rassischen Auslesepraxis der Nationalsozialisten und der heutigen pränatalen Diagnostik und den Möglichkeiten der Humangenetik. Glauben Sie, dass heutige Jugendliche bereit sind, sich diesem fast  philosophischen Thema zu stellen?


Ich hatte bereits einige Lesungen mit dem Text. Daher kann ich die Frage mit einem eindeutigen „Ja“ beantworten. Sie sind nicht nur dazu bereit, ihnen brennt das Thema sogar unter den Nägeln. Sie werden nur nicht darauf angesprochen! Dabei sehen sie den Egoismus einer auf Produktivität gerichteten Gesellschaft, die alles scheinbar nicht Produktive zunehmend selektiert. Wo Paare Kinder abtreiben, nur um selbst im Produktionsprozess zu bleiben und Hartz-IV-Empfänger durch den Entzug von Geld dazu gebracht werden sollen, weniger Kinder zu kriegen, während „produktive Paare“ finanzielle Anreize erhalten Kinder in die Welt zu setzen. Sie merken diese Formen der positiven wie negativen Eugenik, auch wenn sie diese nicht benennen können. Jugendliche wollen über Moral reden, wir „Alten“ haben uns meist schon mit der Unmoral und der „Ungleichheit der Menschen“ abgefunden. Wir sollten die Jugend niemals in ihrem moralischen Anspruch unterschätzen und in ihrem Drang darüber reden zu wollen.

 

Warum spielt Ihre Geschichte ausgerechnet im kleinen Luxemburg?


Weil Luxemburger keine Deutschen sind und gleichzeitig natürlich dem Kulturkreis Deutschland nahe stehen. Das ist eine interessante Mischung für ein Thema, das viel mit Ideologie zu tun hat. Zudem hatte ich in Echternach ein Stipendium, war daher vor Ort und erhielt die volle Unterstützung bei meiner Recherche.

 

Es gibt Forderungen, endlich Schluss zu machen mit der Aufarbeitung des Dritten Reiches, eigentlich sei doch alles gesagt. Andererseits erfreuen sich im Fernsehen Dokumentationen über dieses Thema großer Beliebtheit, wir alle warten ja gespannt auf Guido Knopps endgültige Sendung über Hitlers Schäferhund. Wie denken Sie darüber?

 

Die Diskussion ist eine Dummheit. Die Menschen interessiert das Thema – vor allem junge Leute. Mich interessiert das Thema „Drittes Reich“, wenn es einen aktuellen Bezug hat oder schlicht in Film oder Buch anregend und gut verarbeitet wird. Guido Knopp mit seinen „Dokumentationen“ passt gut zum ZDF. Aber eher frisst ein Tiger Kopfsalat, als dass ein Jugendlicher ZDF einschaltet.

 

Vielen Dank für das Interview!


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