Ein einziges Schicksalsspiel
Nach der aktiven Zeit tut Maradona das, was Fußballstars nach ihrer aktiven Zeit tun: in der Zeitung Kolumnen schreiben, im Fernsehen das Geschehen auf dem Rasen kommentieren. Den Menschen daheim gefiel, wenn er in seiner Sendung über die seit Anfang der 1990er Jahre viel erfolgreicheren Brasilianer herzog, über Romario, Ronaldo und Ronaldinho lästerte. Für viele Argentinier ist „El Diego“ ein Heiliger, für einige sogar mehr. Seine Kirche, die Iglesia Maradoniana, deren etwa 40.000 Anhänger heute „Weihnachten“ feiern, ist zwar im Wesentlichen eine Parodie auf den Medien-Hype um Maradona, doch so ganz aus der Luft gegriffen ist das Phänomen der devoten Verehrung nicht: In Maradona berühren sich die Sphären des südamerikanischen Selbstverständnisses – tiefe Religiosität, fanatische Fußballbegeisterung und ein ausgeprägter Nationalstolz.
Die Verehrung seiner Landsleute tut Maradona in dieser Zeit nicht wirklich gut, weil sie ihm zu verstehen gibt, dass es mit ihm so, wie es ist, gut ist. War es aber nicht. Maradona war ein schwerkranker Mann im Wechselbad von Manie und Depression. Zwischen seinen exzentrischen Auftritten geht er einen Leidensweg: Entzug, Rückfall, Entzug, Rückfall. Maradonas Leben ist ein einziges Schicksalsspiel. 2004 merkten selbst die größten Fans, dass etwas mit ihrem Idol nicht stimmt. Maradona wird mit Herzproblemen in eine Klinik eingeliefert, ringt tagelang mit dem Tod. Er scheint sich danach gefangen zu haben. Irgendwie.
2006 ist ein gutes Jahr für Maradona. Der Film Maradona – La mano de Dios kommt in die Kinos und bei der WM in Deutschland mimt er an der Seite seiner Tochter den lustigen Schlachtenbummler und präsentiert sich bei abnehmendem Gewicht zunehmend fit. Der argentinische Patient offenbarte ganz ungewohnte Reife, indem er eingestand, dass er drogensüchtig war, ist und immer bleiben wird. Der Fußball, so Maradona, sei für ihn so etwas wie eine Dauertherapie.
2008 erhält er zum Geburtstag einen neuen Therapieplatz: die Trainerbank der argentinischen Nationalmannschaft. Im Ansehen der Argentinier steht dieses Amt knapp unter dem des Papstes und weit über dem des Staatspräsidenten. Und die Skepsis war etwa so groß wie der Erwartungsdruck: Drei Viertel der Teilnehmer einer Online-Befragung der argentinischen Zeitung „Clarín“ war „nicht zufrieden“ mit der Wahl des Verbandes. Immerhin schaffte Maradona mit der Albiceleste die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2010, was zum Zeitpunkt der Amtsübernahme alles andere als sicher war. Doch nach der verheerenden 0:4 Niederlage im WM-Viertelfinale gegen Deutschland und massiver Kritik an seinem Führungsstil wurde er am 27. Juli diesen Jahres entlassen. Einige (darunter Bundestrainer Jogi Löw) hatten angemerkt, Maradona setze Superstar Messi nicht adäquat ein, vergeude dessen Talent. Dabei ist nicht allein der „alte Maradona“ dafür verantwortlich, dass der „neue Maradona“ bislang seine überragenden Leistungen aus dem Verein in wichtigen Spielen der Nationalmannschaft nicht bestätigen konnte. Beim FC Barcelona hat Messi mit Xavi und Iniesta zwei Weltklassekollegen, die ihn alle zwei Minuten in aussichtsreiche Position spielen. In der Nationalmannschaft ist Messi allzu oft auf sich allein gestellt.