Milan Kundera hat einmal darauf hingewiesen: "Man ist nicht verpflichtet, Tatsachen so zu beschreiben, wie sie in Wirklichkeit sind." Und in Thomas Hettches jüngstem Roman heißt es: „Literatur beginnt jenseits dessen, was ist.“ Artmanns Material ist die Literatur, nicht die Welt, wie wir sie "in Wirklichkeit" sehen, zu sehen meinen. Das modische Stichwort von der Intertextualität - nirgends beschreibt es den Gesichtspunkt, unter dem Literatur nicht nur zu interpretieren wäre, sondern von vornherein produziert wurde, genauer als bei Artmann, und zwar von Anfang an.
Seinen Durchbruch verdankte Artmann einem Missverständnis. Dass er seinen Gedichtband "med ana schwoazzn dintn" 1958 im Wiener Dialekt, genauer: im Dialekt des Wiener Stadtteils Breitensee, in dem er 1921 geboren wurde, verfasste, verleitete oberflächliche Leser zur Annahme, da sei ein Nachfolger von Weinheber und einer gemütlichen Heurigenseligkeit zu entdecken. In Wahrheit handelt es sich um höchst poetische, dem Surrealismus verpflichtete Gedichte, die den Wiener Dialekt lediglich als verfremdendes Sprachmaterial benützen, für das Artmann übrigens seine eigene phonetische Schreibweise erfand.
In den sechziger Jahren wurde Artmann neben Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener zur Wiener Gruppe gerechnet, mit der ihn das Interesse für Sprachexperimente und frühe Aktionen im Stile der Happenings verbanden. Aber Artmanns Versuche sprengten den Rahmen, den diese Gruppe vorgab. Lustvoll spielt er mit überlieferten Genres und Stoffen, mit Erzählkonventionen und Stileigentümlichkeiten. Triviales und Plebejisches geraten ihm ebenso zum literarischen Artefakt wie Barockes und Höfisches. Der Klang der Sprache ist ihm ebenso assoziativer Anlass wie die Wortbedeutung idiomatischer Wendungen oder die Aura mythischer Figuren. Artmann ist einer der Väter der konkreten Dichtung und zugleich doch ein begnadeter Erzähler, vorausgesetzt, man fragt nicht nach dem Sinn von Erzählen und Erzähltem. Der Vorgang ist wichtiger als das Produkt, die Schönheit liegt in der Abwesenheit von Nützlichkeit.