„Große Macht bedeutet große Verantwortung“, zitiere ich falsch und komme mir bei der nächsten Frage absichtlich pathetisch vor:
Ist das bei Talent genauso? Also, Spiderman wird von der Spinne gebissen und muss sich entscheiden, ob er die Verantwortung und die Aufgabe, seine Superheldenkräfte für den Kampf gegen das Böse einzusetzen, annimmt. Wenn er seine Kräfte nutzt, entscheidet er sich gegen ein normales Leben. Und du hast dich an einem Punkt in deinem Leben für das Musikerdasein und gegen das Sportstudium entschieden. Hätte der Welt etwas gefehlt mit Hannes Wittmer, dem Sportphysiotherapheuten und ohne Spaceman Spiff, dem Musiker? Hat man da eine Verantwortung, aus seiner Begabung etwas zu machen, wenn man schon mal das Glück hatte, diese zu entdecken?
"Wahrscheinlich würden sich alle Musiker genau deswegen Spiderman aussuchen! Zunächst einmal trage ich Verantwortung mir selbst gegenüber. Wenn die Leute nicht wissen, dass du es könntest, ist es egal, aber du selbst weißt es ja und du beißt dir den Rest deines Lebens in den Arsch, wenn du es nicht zumindest mal probiert hast. Das ist die erste Verantwortung. Und später dann, zu einem Zeitpunkt, wo man schon Leute hat, die das gut finden, trägt man dann eine neue, andere Verantwortung. Aber man darf das nicht nur machen, weil Leute es gut finden. Und: Leider findet man mit einem „normalen“ Beruf immer noch leichter einen Job und verdient seine Butter aufs Brot. Aber deswegen ist das auch eines der großen aktuellen Singer/Songwriter-Themen: Was kann man sich trauen und was ist für einen selbst besser?"
"Besser" ist in dem Zusammenhang ziemlich relativ, oder? Mir würde es nicht besser gehen ohne mein Schreiben, dafür aber mit Geld.
"Das ist ja das Schöne am Künstler-Dasein. Wir brauchen keinen Ferrari vor der Tür, um glücklich zu sein. Wir kommen auch ganz gut ohne I-Phone klar, ich habe ja noch nicht mal einen Mac, und das als Musiker. Wir generieren Glück einfach anders."
Würdest du dich denn als glücklich bezeichnen? Wenn ich ein naiver Hörer bin, der Künstler und Werk nicht auseinander halten kann, würde ich denken, du wärst todunglücklich.
(Hannes taucht seinen Teelöffel tief ins Honigglas auf dem Tisch und nuschelt mit Honig im Mund.) "Ist das so?"
Klar, wenn man aus den Songs auf deinen Seelenzustand schließt. Ich meine, allein: "Nicht einmal mein Suff versteht mich noch/bin ich allein mit ihm sieht er mich böse an/wenn er mit mir Gedankenstricke knüpft/wenn sie fertig sind erhäng ich mich daran."
"Es ist eher gegenteilig. Ich bin ein sehr positiver Mensch."
Wenn man nur die Musik hört, denkt man, klar, ein typischer Fall von einem Künstler mit Depressionen.
"Aber weil ich es mit den Songs kanalisieren kann, bin ich nicht depressiv. Ich kann es ja nach außen schieben. Ich habe ein Ventil, ich kann das rausballlern. Dann ist es nicht mehr bei mir, dann ist es im Song."
Naiv gefragt, obwohl ich es ja eigentlich besser weiß: Bist du eigentlich der Protagonist deiner Songs? Und hat der Künstlername eine Schutzfunktion?
"Dem Publikum ist es erst einmal egal, was du mit dem Song zu tun hast – wenn du es offen genug lässt. Für die ist wichtig, was sie sich rausholen können. Und ich habe oft gehört, dass Leute zu einem Song gesagt haben: Ja, genau das habe ich auch so erlebt – aber die haben von was ganz anderem geredet als ich meinte. Das ist völlig legitim und ist gerade das Geile daran.
Bei meinen Songs ist es meistens ein Prozess, dass ich mich auskotze und dann ist das Lied da – aber wenn ich versuche, auf irgendetwas Einfluss zu nehmen, dann ist es das, es nicht so festzusetzen. Natürlich kommen die Songs meist aus Situationen, die ich erlebt habe. Und das erzähle ich dann oft ja auch auf den Konzerten, was mir gerade passiert ist, als ich das Lied geschrieben habe. Was aber nicht heißen muss, dass der Songtext auf mich festgefahren ist.
Ein befreundeter Musiker aus Würzburg hat diese Theorie, dass der Mensch mit der Kunst an sich eigentlich nichts zu tun hat. Der kann sich zum Beispiel seine eigene CD anhören, mit völligem Abstand, so wie er sich jede andere CD anhört. Das ist eine gute Philosophie – sich von seiner Kunst trennen zu können. Ein sehr asketischer Gedanke.
Ich denke, dass es ein Problem für viele Künstler ist, dass sie sich zu viel damit identifizieren. Selbst wenn sie einen Alter Ego-Namen haben – die Gefahr ist, dass sie mehr zu diesem Alter Ego werden als sie selbst bleiben. Viele Musiker, die Erfolg haben, werden dazu gezwungen – vor allem durch Musikjournalismus, in dem die Kunst extrem immer auf einzelne Personen drauf projiziert wird. Wenn die ganze Zeit auf sie einprasselt, das sie dieser Typ sind, verschmelzen sie mit dem öffentlichen Bild von sich.
Und dieses Problem kommt auf an dem Punkt, an dem du damit Geld verdienen musst. Und dann kommt man irgendwann zu dem Moment, dass man ein Lied geschrieben hat und denkt: Scheiße, ist das jetzt gut genug, dass die Leute das gut finden? Kann ich das als Single-ähnlichen Song auf meiner Platte haben? Ganz böse gesagt: Verkauft sich das?
Eine Freundin von mir fasste das so zusammen: Siehste mal, wie weit das gekommen ist, dass unsere Gesellschaft Künstler dazu zwingt, sich mit ihrer eigenen Kunst zu identifizieren."
Ich will fragen, ob mir gerade Spaceman Spiff oder Hannes Wittmer gegenüber sitzt. Aber ich frage stattdessen: Wie geht es dir damit?
"Irgendwann übernimmt dich das voll, klar. Das war jetzt in den letzten zwei Jahren so, seit ich in Hamburg bin. Ich habe jeden Tag über meine Musik nachgedacht. Und das ist irgendwann echt anstrengend, weil ich nicht mehr gewusst habe, wo Hannes aufhört und wo Spaceman Spiff anfängt. Das verschwimmt alles. Im Augenblick versuche ich, das zu trennen. Das ist gesünder. Ich weiß ja auch noch nicht, ob das alles funktioniert.
Ich habe lange Zeit gesagt: Es muss jetzt Musik sein und nichts anderes. Was vielleicht auch nicht geschadet hat - dass ich so dermaßen dahinter war. Bis ich gemerkt habe, wie sehr mich das konsumiert. Jetzt bin ich der Meinung: Ich probiere das einfach, aber auf keinen Fall mit dem Kopf durch die Wand – es ist gut möglich, dass ich im nächsten Jahr irgendwas anderes mache. Aber ich vermeide es, mir einen festen Plan B zu suchen, dann geht man immer mehr Kompromisse ein, gerade, wenn es so schwierig ist, sich zu etablieren und damit Geld zu verdienen. Ich weiß nicht, ob das gut ist – Geld verdienen mit so etwas wie Kunst. Das Geld zwingt dich, dich fest an deine Kunst zu binden, wo es freier doch viel besser wäre.
Vielleicht schützt mich mein Künstlername ein Stück davor, mit meinen Songs in eine Ecke geschoben zu werden. Aber vielleicht wird man auch irgendwann immer mehr sein eigener Entwurf, und das wäre dann viel gefährlicher, als wenn man Gisbert zu Knyphausen heißt und sich als Künstler Gisbert zu Knyphausen nennt. (Er zuckt die Schultern.) Na ja. Mit dem Namen hätte ich das auch gemacht."
Nervt es, dass du andauernd mit ihm verglichen wirst?
(Erleichtert) "Es ist natürlich eine riesige Ehre, mit Gisbert zu Knyphausen verglichen zu werden. Er macht einfach sehr gute Musik. Aber man möchte natürlich was Eigenes machen. Ich selbst finde meine Sachen auch gar nicht so ähnlich."
Was ist mit den textlichen Überschneidungen, sind die Zufall? Wenn ja, würde das meine Theorie bestätigen, dass es bestimmte Themen und Sätze und Motive gibt, die einer Generation von Songautoren einfach auf der Seele brennen und deswegen immer wieder ganz ähnlich in Songs gepackt werden.
"Gisbert hat einen Song namens Flugangst, ein Song von mir heißt Bodenangst, ist schon klar. Da denkt man natürlich sofort an Plagiat."
Nein, bei dem Song habe ich eher an diesen einen Song denken müssen, keine Ahnung, von wem der ist. Du singst: "Ich hab keine Höhenangst/ich fürchte mich nur vor dem Boden/auf dem am Ende alles zerbricht" und der Song geht so: "It's not the fall that hurts/ it's when you hit the ground."
"The Caesars! Den Song haben wir in meiner Würzburger WG immer gehört. Das ist mir noch nie aufgefallen, das war definitiv keine Absicht und auch nicht bewusst, dass ich das zitiere. (Schweigt) Es gibt eine einzige Stelle, wo ich bewusst Bezug nehme auf einen Song von Gisbert. In „Erwischt“ heißt es: Komm lass uns trinken, bis ich mich wieder versteh. Und ich führe das bei „Gedankenstricke“ so für mich weiter: Nicht einmal mein Suff versteht mich noch. Aber das ist kein Zitat, das ist eine Antwort."
Aus meiner, na, nennen wir es „fachlichen Perspektive“, sehe ich – bei allen textlichen Gemeinsamkeiten – grundlegende Unterschiede in der Struktur.
Hannes hört zu und ich begegne meiner eigenen Unfähigkeit, so vermessen zu sein und einem Künstler seine Kunst zu erklären. Ich spreche vom Bauen von Räumen, von Figuren in diesen Räumen und von Computerspielen – und klinge für jemanden, der seine Doktorarbeit über das Thema schreibt, wirr. Wäre er jemand anders, ich hätte es so erklärt: Bei Spaceman Spiff gibt es die konkreten, aber mit metaphorisch aufgeladenen Requisiten versehenen Räume eines Gisbert zu Knyphausen nicht. Bei ihm liegt der Vergleich zu Niels Frevert viel näher, betrachtet man die Ökonomie der Bilder und der Sprache, die nur im Aufblitzen konkret und deswegen vage sind; Sprachbilder, in die man hineinfällt wie in Freverts großartigen Satz „Welt drinnen, ich draußen ... in der Waschmaschine wär noch Platz gewesen.“
Spaceman Spiff erzählt wie Niels Frevert die größtmögliche Geschichte mit der kleinstmöglichen Anzahl von Worten. „Hier geht es nicht um große Gesten, hier klebt das Unheil zwischen den Zeilen“ schrieb ein Kritiker über seine Texte und trifft es damit nicht vollkommen. Was dort zwischen den Zeilen klebt, ist die ganze Geschichte, die jeder für sich aus- und weiter erzählt – und die für jeden anders ist. Dafür braucht Spaceman Spiff keine gewaltige Metaphorik oder eine überbordende Bildsprache wie andere Singer/Songwriter. „Du wirfst wie ein Mädchen aber triffst, wo es weh tut“ singt er in „Schnee“ und in diesem Song finden sich die Hörer selber wieder, Spaceman Spiff singt den Soundtrack für ihr Leben.
Bei ihm entstehen dialogische Szenen ohne zweite Person, manchmal an Selbstgespräche erinnernd, manchmal fast anklagend, oft auffordernd. Und immer ist die zweite Person schon weg oder war nie da – bei Gisbert zu Knyphausen steht die zweite Person meist mit in dem erzählten Raum.
Das Diktiergerät hat seit Längerem aufgegeben, Hannes Mitbewohner kochen, es ist dunkel geworden in Hamburg.
Hannes spielt mir die EP vor, mit der er mit dem Schriftsteller Finn-Ole Heinrich auf Tour geht und dann Rohfassungen des neuen Albums. Er erklärt, dass es anders klingen sollte als das, was man normalerweise von einem Singer/Songwriteralbum erwartet.
Das gelingt, fast wie Szenen eines Hörspiels klingen die Tracks, mit Geräuschen unterlegter Gesang, es schnarcht, es quietscht, an einer Stelle hört man eine Waschmaschine durchlaufen. Und genau wie bei einem Hörspiel, so scheint es beim ersten Hören, wird von Szene zu Szene und von Track zu Track die Situation des Protagonisten und das Gesamtszenario klarer, es wird angebaut und herangezoomt, scharf gestellt und wieder von der Ferne betrachtet, ohne das dabei ein wirklich konkretes, dauerhaftes Bild entsteht. Wieder ist es so offen, dass man sich als Hörer darin verlieren oder selbst finden kann. Und so dienen die Geräusche auch nicht einer greifbaren Raumverortung, sondern einer emotionalen.
Waschmaschine ist eben ein Gefühl.
Wenn es etwas gibt, das diese Songs „sagen“ wollen, dann vielleicht am ehesten das: „Zieh ruhig die Raumfahrerbrille auf und verwandele dich in einen Helden, aber sei dir immer bewusst, dass du gerade die Brille auf hast. Am Ende gibt es nur das, was du ohne die Brille siehst“.
Ich kam als Journalistin und Doktorandin in diese Wohnung und bin als irgendwer anders rausgegangen – ich weiß nur nicht als was. Oder, um es mit Spaceman Spiff zu sagen: „Es ist immer noch besser, nicht zu wissen, wer du bist, aber dafür ganz genau wer nicht.“