Dave Brubeck wird 90
06.12.2010
Hommage an ein Fundament
Ist es bei diesen winterlichen Temperaturen und steigenden Erdölpreisen nicht herrlich, uns von grundlegenden Errungenschaften der Menschheit umgeben zu wissen, über die wir nicht im Mindesten nachdenken müssen? Die Weberei zum Beispiel ist seit dem Neolithikum bekannt und entbindet uns von der Bürde ranziger ungegerbter Tierfelle, außer natürlich man möchte sich darin völlig politisch inkorrekt und perfekt gestylt einpacken lassen ... Von VIOLA STOCKER
Die Schrift ermöglicht uns seit der sumerischen Hochkultur, unser mühsam angehäuftes Wissen an unsere Nachfahren weiterzugeben, und das seit ca. 6000 Jahren. Der Buchdruck, der spätestens seit Gutenberg perfektioniert wurde, entbindet uns von der langwierigen Pflicht, dieses Wissen auch tatsächlich selbst niederzuschreiben. Und spätestens seit der Nutzbarmachung des elektrischen Stroms Mitte des 19. Jahrhunderts befinden wir uns auf der evolutionären Überholspur.
Seit gut hundert Jahren löst sich unser Verstand auch in der Musik von den alten Fesseln und erfindet sich im Jazz immerwährend neu. Seit nunmehr 90 Jahren gibt es Dave Brubeck, geboren am 6.12.1920 in Kalifornien, seit den 40er Jahren in der Jazzszene aktiv, seit 1951 mit seinem Quartett.
Wie nähert man sich so einem Dinosaurier des Jazz, der in den Swing hineingeboren wurde und noch bis nach der Jahrtausendwende als hochbetagter Musiker in Europa tourte, als längst Worldmusiker und Avantgardisten die klassischen Swing, Bebop und Cool Jazz Musiker verdrängt hatten? Es ist doch bereits alles gesagt, auch Dave Brubeck kann sich nicht ständig neu erfinden und Kritiker und Verehrer aufrütteln, ganz zu schweigen davon, dass seine größten Hits, nämlich "Blue Rondo ala Turk", "Unsquare Dance" und natürlich "Take Five" (von Paul Desmond in das Quartett eingebracht) längst gängige Gassenhauer in der Jazzgemeinde sind.
Ein Kammermusiker des Jazz
Aus Respekt nähere ich mich gar nicht. Ich erinnere mich. Ich erinnere mich an mich selbst, staunendes Kind in den 70er Jahren, das ein großes Privileg erfahren durfte. Eines der ersten Musikstücke, an das ich mich erinnere, ist eben jenes legendäre "Take Five", erst sehr viel später erfuhr ich, dass Paul Desmond das Stück geschrieben hatte. Ich erinnere mich, dass auf der Platte meines Vaters - "The Last Set at Newport" (1971) - erst "Blues for Newport" gespielt wurde, bevor "Take Five" kam. Mein Vater stand entweder mit dem Plattencover in der Hand vor seinem Plattenschrank und wippte hin und her oder er hatte das Cover vor sich auf dem Wohnzimmertisch liegen und klopfte mit den Händen auf den Schenkeln den Rhythmus mit. Er schien mir immer völlig entrückt, unverständlich für mich als Kind, ich hatte nichts übrig für die Improvisationsstrecken und "Blues for Newport" ist lang. Aber "Take Five" mochte ich schon als Kind, man konnte die Melodie mitsummen.
Nach vielen Jahren ist für mich "Open the Gates" die bessere Nummer auf dieser Platte, weil sie vieles über Dave Brubeck aussagt. Der Vorwurf, er könne nicht swingen, wird durch den Big Band erfahrenen und im Swing verwurzelten Baritonsaxophonisten Gerry Mulligan endgültig entkräftet. Und die These, er sei ein "Kammermusiker des Jazz" wird durch die vielerorts sinfonisch anmutenden Arrangements bestätigt. Kein Wunder, Brubeck stammt aus einer musikalischen Familie (die Mutter hatte klassisches Klavier studiert, auch die Brüder waren zum Teil Musiker), in der es keinerlei musikalische Berührungsängste gab. Brubeck hat denn auch zuerst klassische Komposition studiert mit allen Elementen der europäischen Musik von Bach bis Milhaud und dennoch bereits während des Studiums mit Jazzmusikern zusammengespielt, die ihn dann auch jahrzehntelang begleiten sollten.
Offenheit und musikalische Qualität
Diese grundlegende Offenheit - gepaart mit unbestreitbarer musikalischer Qualität - bildete mit Sicherheit den Grundstein von Brubecks bahnbrechender Karriere. Er wurde mit sämtlichen Ehren bedacht, die einem Jazzmusiker zuteil werden können, inklusive der durchaus politischen Ehren, sowohl im Weißen Haus als auch im Kreml spielen zu dürfen. Puristen mögen ob der intellektuellen Spielweise Brubecks die Nase rümpfen - manchen mag der Klang seines Pianos zu gehämmert klingen - seine Erfolge und die Langlebigkeit seiner Kompositionen geben dem Brubeck - Prinzip letztendlich recht: die kammermusikalische Integration des improvisierenden Individuums in das Kollektiv der Arrangements ist grundlegend für die soziologische Situation seines Jazz. Individuum und Kollektiv dürfen kein Gegensatz mehr sein, sondern müssen sich zu etwas neuem verbinden. Ein traumhafter philosophischer Anspruch, dem das Dave Brubeck Quartett in seinem Namensgeber samt kongenialer Besetzung vollumfänglich entspricht: Paul Desmond als jazzmäßigstes Element der Gruppe, ein großer Lyriker an seinem Instrument, später Gerry Mulligan, der mehr Swing in das Quartett brachte oder auch Alan Dawson, der Intellektualität und Bewusstsein mit swing und drive verband.
Kein Pionier des Jazz, sondern ein Toröffner
Dass Brubeck mit Polytonalität und Polyrhythmik experimentierte, macht ihn nicht zu einem einzigartigen Vertreter seiner Zunft, aber seine Kompositionen gehören zu den bekanntesten dieser Art. Entsprechend oft wurden sie gecovert, Versionen von Al Jarreau über George Benson oder Maria Joao begeistern immer und immer wieder. Er war auch kein Wegbereiter für neue Richtungen des Jazz, solche Rollen hat er gerne Größen wie Miles Davis oder Duke Ellington überlassen. Er war vielmehr das, was eben auch "Open The Gates" im wahrsten Sinne des Wortes anspricht: ein Tür - und Toröffner für die bislang auf Klassik fixierte gebildete Mittelschicht, die sich nicht in rauchigen Jazzkneipen sah, sondern in Konzertsälen, und die mit dem erdigen schwarzen Bebop der 50er und 60er Jahre nichts anfangen konnte.
Wie gründlich dieses Tor geöffnet wurde und wie fruchtbar die Verbindung klassisch gebildeter Musiker mit der Jazztradition sich entwickeln sollte, zeigen auch die Karrieren von Eugen Cicero ("Romantic Swing"), Jaques Loussier ("Swinging Bach") oder neue Interpretationen von klassischer Musik durch Jazzgrößen (so z.B. Chick Corea und Bobby McFerrin bei Mozarts Klavierkonzerten). Und immer hat Dave Brubeck parallel diese neuen Strömungen durch seine scheinbar immerwährende Präsenz begleitet und aufgegriffen. Er ist damit wirklich zu einer Art Urgestein des neuen Nachkriegsjazz geworden. Nicht die Spitze des Eisbergs, aber durchaus ein Fundament. Eines, das hoffentlich noch einige Jahre hält.


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