Der große Gesang des Erinnerns
Der Film nach, bzw. durch Godard, war als die (historisch) letzte Kunst zugleich die des Hybriden, weil sie aller früheren Künste in sich aufnahm; das unausgesprochene, aber von Jean-Luc Godard ausgeführte & ausformulierte »Gesamtkunstwerk« des 19. Jahrhunderts im 20. Jahrhundert. Dabei hat Godard die Leinwand & das Videobild zur Projektionsfläche methodischer Analysen der Wahrnehmung & zur poetischen Imagination geistig-sinnlicher Korrespondenzen gemacht.
Während der erste Teil seines Oeuvres - die zwischen 1960 (A bout de souffle) und 1967 (Weekend) mehr als 15 in Paris entstandenen Kinofilme: eine seismographische Ankündigung des Pariser Mais ´68 - kontinuierlich als Ereignis einer ästhetisch-politischen Innovation weltweit wahrgenommen wurde, hatte die zweite Phase seines sich zeitweise dem Video zuneigenden Schaffens, das mit einer linksradikalen, teilweise auch Antisemitismus verdächtigen Politisierung des Militanten einherging, es schwerer, noch öffentlich wahrgenommen zu werden. Mit dem, meist in der Schweiz und zusammen mit seiner Lebensgefährtin Anne-Marie Miéville entstandenen Spätwerk, etwa von Prénom Carmen (1983) an, nimmt sein Oeuvre, das kaum noch die europäischen Kinosäle erreicht (& die deutschen gar nicht mehr), die Züge eines eremitenhaften Selbstgesprächs an, vor dessen inhärenter Komplexität & Musikalität die Filmkritik weithin kapituliert. So ähnlich kopfschüttelnd dürfte wohl Beethovens Zeitgenossenschaft auf dessen späte Streichquartette reagiert haben.
Reicher, fragiler, von Grund auf ironischer, aber auch bodenloser & luftiger war das Kino nie - als in den nervösen Händen des romantischen Intellektuellen Jean-Luc Godard, oft begleitet von der leicht lispelnden Stimme ihres Schöpfers, diesem lyrisch-essayistischen Beschwörer des Imperfekts, der mit seinen Histoire(s) du Cinema (1998) dem hundertjährigen Kino & Film seinen Großen Gesang des Erinnerns & des Abschieds komponiert hat. Am 3. Dezember wird Jean-Luc achtzig Jahre alt - ein melancholischer Solitär, der aus der Zeit gefallen, aber immer noch präsent ist: unversöhnt, ein Clown Gottes in dessen Abwesenheit.

