TUBUK im Porträt
08.12.2010
Hochverdichtete Indiebuchbündel
Das Geschäftsmodell der Buchvermittlungsplattform TUBUK sticht aus dem Onlinewahnsinn der Verlage vor allem wegen einer Sache heraus: Es geht um Bücher. Von JAN FISCHER
Die Buchbranche ist ja in helle Panik verfallen in letzter Zeit. Das eigentlich ganz lustig zu beobachten: Kaum ein Verlag, der nicht heraustrompetet, dass man die Fehler vermeiden wolle, die damals in der Musikindustrie gemacht wurden, das man auf keinen Fall wichtige Entwicklungen verpassen wolle und jetzt diese oder jene tolle Idee hätte. Kaum eine Ausgabe von Branchenmagazinen wie dem Börsenblatt des deutschen Buchhandels oder der Buchmarkt, in dem nicht eifrige trendspottende Journalisten wieder ein neues bahnbrechendes Onlinegeschäftsmodell für Verlage erschnuppern.
Es gibt sie noch, die Idealisten
Ein bisschen ist es, als hätten die Verlage vergessen, dass nicht das Buch das beste ist, das mit dem hysterischsten Gekreisch beworben und mit dem onlinesten Geschäftsmodell vertickt wird. Manchmal aber, selten - oder öfter, wenn man weiß, wo man suchen muss - fällt einem ein Buch in Hand, dass offensichtlich nicht auf größtmögliche Marktkompabilität hin designt ist, ein Buch, dass so schön ist, so aufwändig produziert, in einer so kleinen Auflage gedruckt, dass es nach allen Gesetzen des Marktes höchstens seine eigenen Kosten wieder einspielen kann, wahrscheinlich aber eher ein Verlustgeschäft ist. Und dann wird einem warm ums Herz, und man denkt: Es gibt sie noch, die Idealisten.
Gegenwartsarchäologen
Zugegeben, das ist eine sehr romantische Sichtweise der ganzen Angelegenheit, es ändert aber nichts daran, dass es in Deutschland eine riesige Horde kleiner Indie-Verlage gibt, deren Bücher es eigentlich verdient hätten, in den großen Buchhandlungsketten vorne auf dem Tisch zu liegen, riesig in die U-Bahnhöfe dieser Republik gepinnt zu werden, eigene Sonderseiten in den großen Feuilletons zu bekommen. In einer besseren Welt wäre das so. Denn diese kleinen Indie-Verlage sind das, was die Indie-Labels für Musik sind: Mit einem Ohr Markt, und mit dem anderen in der Jetztzeit, eifrige Sucher und Gegenwartsarchäologen, die aufspüren, was morgen gelesen wird. Oder neu herausbringen, was schon lange zu unrecht vergessen ist. Oder übersetzten, was schon viel zu lange unübersetzt war. Das Ding ist gar nicht, dass so viel Idealismus und Eifer mit Liebe belohnt werden müssen, das Ding ist, dass viele der Bücher die bei mairisch oder luxbooks oder Luftschacht und wie sie alle heißen herauskommen, relevanter sind als das, was die großen Publikumsverlage herausbringen, und noch dazu schön gestaltet. Oder einfach nur, wie der Verlag Pulp Master – spezialisiert auf amerikanische Pulp-Krimis - Nischen besetzen, die einfach besetzt werden müssen. Es sind Bücher, wie sie sein sollten.
Hochgradig professionalisierter Lesezirkel
Diese kleinen Indie-Verlage müssen sich mit der Literaturvermittlungsplattform TUBUK begnügen – und das ist schon ganz schön viel. Grob gesagt ist TUBUK zwar ein Buchladen, aber das wie in diesem Fall ganz entscheidend. TUBUKs Slogan ist »Nicht jedes Buch«, und das bringt zumindest einen Teil des Geschäftsmodells gut auf den Punkt: Bücher, die dort angeboten werden, müssen bestimmten Kriterien entsprechen, wie beispielsweise von einem unabhängigen Verlag veröffentlicht sein. Gleichzeitig gibt es eine aktive User-Community, die sich gegenseitig Bücher empfiehlt, Autoren und Verlage können Profile anlegen, bloggen, Bücher kritisieren und empfehlen, zu jedem angebotenen Buch gibt es -oft großzügig lange – Leseproben als PDF. Oder, warum nicht, einfach mal einem Autor eine Nachricht schicken? Bei TUBUK herumzustöbern ist ein bisschen, als wäre man in eine Mischung aus Lesung und hochgradig professionalisiertem Lesezirkel geraten. Und es gibt eben keine bekloppten Empfehlungsalgorithmen à la »Wenn Ihnen Fight Club gefallen hat, gefällt ihnen bestimmt auch Das innere Kind«. Das alles ist handgemacht.
State of the Art, unhysterisch
Und: Die Seite macht sich, und ein Geheimtipp ist sie schon längst nicht mehr: 69 Verlage sind im Moment vertreten, von der renommierten edition Nautilus bis hin zu Obskuritäten wie Minimal Trash Art. Dazu kommen 90 Autoren, und eine Community, die tatsächlich auch aktiv ist. So wird TUBUK langsam aber sicher mehr als nur ein Buchladen mit exklusivem Angebot, auch mehr als ein angenehm unhysterisches Geschäftsmodell: Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man sagt, dass TUBUK – eben durch die hochverdichtete Bündelung von Autoren und Verlagen, und durch die Community – eine sehr genaue Abbildung des State of the Art der deutschen Indie-Verlagsbranche und der jungen deutschen Literatur ist, und eine Abbildung dessen, was sie gerade umtreibt.


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