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Freitag, 25. Mai 2012 | 09:00

Francis Bacon zum 450. Geburtstag

22.01.2011

Francis Bacon und die moderne Naturwissenschaft

Am 22. Januar 1561 – vor genau 450 Jahren also – wurde in London einer der bedeutendsten Philosophen der europäischen Geistesgeschichte geboren: Francis Bacon. Er ist der Vater des Empirismus, der Methode naturwissenschaftlicher Forschung. Von JOSEF BORDAT

 

Francis Bacon studierte Jura und machte zunächst als Politiker Karriere. 1579 noch als Anwalt tätig, erhielt er 1584 einen Sitz im Unterhaus. Bacon stellt sich bedingungslos in den Dienst der Krone und bringt es schließlich unter Jakob I. zum Obersten Kronanwalt und Lordsiegelbewahrer, ehe er auf dem Höhepunkt seiner Karriere 1618 Lordkanzler wird. Drei Jahre später stolpert Bacon über eine Korruptionsaffäre – er hatte Geschenke entgegengenommen. Bacon zeigt Reue, eine Verurteilung kann er damit nicht verhindern. Der englische Spitzenpolitiker Bacon wird entlassen und zieht sich ins Private zurück. Für die europäische Geistesgeschichte ein Glücksfall: In den fünf Jahren, die ihm bis zu seinem Tod (1626) bleiben, entstehen seine wichtigen philosophische Schriften.

 

Philosophiehistorische Bedeutung erlangte Bacon damit v. a. als Wegbereiter des britischen Empirismus, der von der angelsächsischen Philosophie des 17. Jahrhunderts mit so bedeutenden Denkern wie John Locke, George Berkeley und David Hume geprägt wurde. Bacons Erkenntnistheorie ist gegen die ausschließlich deduktive Methodik der Scholastik gerichtet. Mit der Induktionsmethode entsteht bei Bacon ein neuer erkenntnistheoretischer Zugang zur Natur. Die unverfälschte, unverdorbene Erkenntnis – für das „Verderben“ macht er die in der scholastischen Epistemologie maßgebliche Metaphysik Platons und Aristoteles’ verantwortlich – führt dabei nicht nur zur graduellen Verbesserung der Naturwissenschaft, sondern zu deren prinzipiellen Neuorientierung, die den Menschen als Diener, Deuter, Beherrscher und schließlich Schöpfer der Natur bzw. ihrer perfektionierten Substitution betrachtet.

 

Eine vollständige Erneuerung

Seine induktiv-experimentelle Methode beschreibt Bacon zunächst in seinem Werk Novum Organum. Der Titel ist eine Anspielung auf Aristoteles Organon, das durch Bacons neuen Entwurf als wissenschaftstheoretische Folie abgelöst werden soll. Im Novum Organum werden die Prinzipien einer Wissenschaftsorganisation modelliert, bei der es um Naturerkenntnis und dadurch um Naturbeherrschung geht. Schließlich erwächst daraus – und hier zeigt sich dann doch noch einmal der Staatsmann Bacon – eine Erhöhung der eigenen Macht, also der Macht des Menschen einerseits und der Macht Englands andererseits. England war zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf dem besten Weg, die Renaissancemächte Spanien und Portugal zu verdrängen. Bacon erlebte dies als Abgeordneter. Ihm geht es also auch darum, diese neue Position Englands durch eine effiziente, moderne Wissenschaftsorganisation zu untermauern und auszubauen.

 

Es geht in Bacons Wissenschaftsbild nicht mehr um das ehrfürchtige Nachvollziehen eines natürlich-göttlichen Regelwerks, sondern um die schöpferische Entwicklung eigener Regeln aus der empirischen Forschungsarbeit. Er beabsichtigt damit, »zu einer vollständigen Erneuerung der Wissenschaften und Künste, überhaupt der ganzen menschlichen Gelehrsamkeit, auf gesicherten Grundlagen zu kommen«.

 

Damit, dass die Erneuerungsarbeit von allen getragen werden soll, richtet sich Bacon aber nicht nur gegen Aristoteles’ Deduktionsbegriff, sondern auch gegen die platonische Vorstellung wahrer Ideen, die nur von wenigen (Platon nennt diese Wenigen Philosophen) »geschaut« und »gefunden« werden können. Forschungsarbeit ist bei Bacon weder Verkörperung des Allgemeinen im Einzelnen (aristotelische Deduktion) noch von der Elite geschauter Abschnitt einer Ideenwelt (platonisches Finden). Von der konkreten Forschung handelt sein zweites großes Werk: Nova Atlantis.

 

Obgleich nicht gänzlich hierarchiefrei, ist die Organisation in Nova Atlantis nicht an den elitären Ansichten Platons orientiert. Ferner ruht sie nicht auf einem abgeschlossenen Kanon an Erkenntnissen, wie er Aristoteles vorschwebt. Alles wird mit Hilfe aller grundsätzlich und ergebnisoffen unter die Lupe genommen, oder wie Bacon es ausdrückte, »mit einem Verstand, der von Meinungen rein gewaschen ist« – wertneutral, wie es rund 300 Jahre später der Wiener Kreis sagen wird, um sich von der Frankfurter Schule vorhalten lassen zu müssen, dass es so etwas gar nicht gebe und es statt dessen Teil eines gigantischen Selbstbetrugs der Moderne sei, von »wertneutraler« Wissenschaft zu sprechen. Der Streit, den Bacon lostritt, ist bis heute ein in Methodologie und Epistemologie akademisch virulenter – ein Streit um inhärente Werturteile, den »view from nowhere« (Nagel) und den Missbrauch der angeblichen Neutralität wissenschaftlicher Forschung.

 

Die dringlichste Aufgabe der Zukunft

Die Wissenschaftsutopie Nova Atlantis – auch hier zeigt sich übrigens die Opposition zum antiken Entwurf schon im Titel der Schrift: auf Platons Atlantis wird Bezug genommen – ist damit die konsequente gesellschaftstheoretische Umsetzung des Programms von Novum Organum. Der Philosoph Bacon wird zum Sozialingenieur und beschreibt, wie erstens die erkenntnistheoretischen Prinzipien institutionell und personell implementiert werden und wie zweitens aus der Forschungsarbeit nicht bloß epistemische, sondern auch ethische Fortschritte erzielt werden, die ein friedliches Zusammenleben aller Menschen ermöglichen sollen, da ökonomisches Konfliktpotential wissenschaftlich überwunden und menschliche Bedürfnisse infolgedessen künftig kollisionsfrei befriedigt werden können.

 

Hier tritt neben den Machtanspruch der Gedanke einer aus der wissenschaftlichen Perfektibilität erreichbaren Optimalwelt, die an paradiesische Umstände erinnert. Dies macht das utopische Moment des naturwissenschaftlich-technischen Entwurfs Nova Atlantis aus, denn es trifft der Mythos des Goldenen Zeitalters auf den realen Anspruch einer machtstabilisierenden Wissenschaftsorganisation, die bekanntlich wenig später in England mit der Royal Society auch eingerichtet wird.

 

Bacons erster Gedanke (»Wissen ist Macht!«) wird also prompt realisiert. Sein zweiter Gedanke (»Wissen schafft Frieden, Freiheit und Wohlstand!«) harrt bis heute seiner Verwirklichung. Frieden, Freiheit und Wohlstand zu schaffen, bleibt auch in Zukunft die dringlichste Aufgabe der Menschheit. Vielleicht braucht es ja dazu nicht allein das Wissen, sondern auch den Willen.


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