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Freitag, 25. Mai 2012 | 09:00

Vor fünf Jahren starb Johannes Rau

28.01.2011

Bruder Johannes Rau

Am 16. Januar wäre er 80 Jahre alt geworden – am 27. Januar vor fünf Jahren verstarb er: Johannes Rau, einer der bedeutendsten Politiker der Bundesrepublik. Von JOSEF BORDAT

 

In meiner Jugend gab es drei wichtige Personen, die die Nachrichten beherrschten: Papstjohannespaulderzweite, Bundeskanzlerhelmutkohl und – ich komme aus Nordrhein-Westfalen – Ministerpräsidentjohannesrau. In den 1980er Jahren, in denen ich sozialisiert wurde, gab es die Ämter des Petrus-Nachfolgers, des Regierungschefs der Republik und des Landesvaters von NRW nur in dieser feststehenden Verbindung. Erst später – viel später – trennten sich Amt und Person auch in meinem Kopf. 1998, ich hatte mein Studium beendet, wurde erstmals – zumindest in meinem Bewusstsein – ein Anderer in Deutschland Kanzler und ein Anderer in NRW Ministerpräsident. Und 2005 ein Anderer Papst. Da war ich bereits verheiratet.

 

Johannes Rau hat wie kein Zweiter das moderne NRW geprägt. 1958 war der Wuppertaler Publizist in die SPD eingetreten, zwanzig Jahre später war er Ministerpräsident seines Heimat-Bundeslands. In seiner zwanzigjährigen Amtszeit (1978-1998) hat er das Land aus Kohle und Stahl herausgeführt und den Wandel zur deutschen Dienstleistungs- und Kulturzentrale vorbereitet. Nicht beherzt genug, sagen seine Kritiker. Mit Herz für die Menschen, die einen behutsamen Strukturwandel brauchten, sagen seine Freunde. Die Wahlerfolge der SPD in Raus Regierungszeit geben letzteren Recht.

 

Doch trotz der stabilen Mehrheit blieb Rau nicht ganz freiwillig so lange in Düsseldorf: 1987 hatte er sich erfolglos gegen jenen Helmut Kohl um die Kanzlerschaft beworben, der ebenfalls bis Ende des Jahrhunderts in Bonn und Berlin regieren sollte. Pech für Rau, Glück für NRW. Das Land erlebte Kontinuität und Stabilität, allerdings nach langen Jahren absoluter SPD-Herrschaft auch Verfilzung. Die Opposition warf Rau zunehmend monarchistischen Stil vor. Der konnte ruhig darauf verweisen, dass »sein« Volk offenbar nichts anderes wolle. Retrospektiv kann man zusammenfassen: Johannes Rau war ein beliebter Landesvater, kein technokratischer Spitzenbeamter. Effizienz war nicht sein Hauptanliegen, weil er nicht das Hauptanlieger der Menschen war. 1995 jedoch musste Rau die Macht mit den Grünen teilen, eben jenen Grünen, denen er 1987 noch die Zusammenarbeit im Bund verweigert hatte. Ironie des Politikerschicksals.

 

Johannes Rau trat 1998 als Ministerpräsident zurück, aber nicht, um in den Ruhestand zu gehen, sondern um im Jahr darauf Bundespräsident zu werden. Bis 2004 hatte er das höchste Staatsamt inne. Er blieb dabei der volksnahe »Bruder Johannes«, ein Spitzname, der – oft spöttisch, manchmal aber auch von ihm selbst verwendet – auf Raus tiefe christliche Spiritualität deutet, die er auch in seinen hohen Ämtern spürbar lebte. Unter dem Motto »Versöhnen statt spalten.« suchte Rau vor allem nach Gemeinsamkeit, nach dem, was die Menschen verbindet. Sein intensiver Einsatz für den christlich-jüdischen Dialog wird honoriert: Rau ist im Jahr 2000 der erste deutsche Staatsmann, der in Jerusalem vor der Knesset, dem israelischen Parlament, sprechen darf.

 

Zu den Schriften, die der mit zahlreichen Ehrendoktorwürden honorierte Politiker der Nachwelt hinterließ, gehören neben politischen Reden auch spirituelle Texte, insbesondere Aphorismen zu Religion, Glauben und Christentum. Dass Rau über eine gehörige Portion Humor verfügte, ist ebenfalls an einigen seiner Sprüche abzulesen. Auf den Vorschlag, Fußballstadien künftig nach Frauen zu benennen, konterte er: »Wie soll das denn dann heißen? Ernst-Kuzorra-seine-Frau-Stadion?«

 

Am 27. Januar 2006 verstarb Johannes Rau wenige Tage nach seinem 75. Geburtstag. Er hinterließ eine große Lücke in der deutschen Politik, gerade weil er Gesellschaftskritiker, Parteipolitiker, Staatsmann und Integrationsfigur in einem war. Bruder Johannes Rau.


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