Klischees über die eigene Arbeit
In ihrem bislang letzten Roman Der einzige Mann auf dem Kontinent tragen die Kapitel als Überschrift die Namen der Wochentage von Freitag bis Freitag und täuschen so eine Chronologie vor, die sie nicht durchweg einhalten. Jedes Kapitel ist in eine erste Hälfte Der Tag und eine zweite Hälfte Die Nacht unterteilt. Im letzten Kapitel steht noch die Überschrift Die Nacht da, aber darauf folgt nichts mehr. Über Strecken des Romans hinweg erzählt Terézia Mora chronologisch, dann durchbricht sie die chronologische Folge, dann wiederum stoßen Absätze unmittelbar auf einander, die scheinbar nichts mit einander zu tun haben. Das gleicht jener Technik, die man im Film »harter Schnitt« nennt, und in der Tat lesen sich Passagen des Romans wie ein Treatment für einen Film. Wenn bei Terézia Mora direkte Rede vorkommt, setzt sie sie nicht unter Anführungszeichen. Dadurch sind die Dialoge stärker als üblich in den Erzählfluss eingebettet. Das könnte etwas mit der Arbeit am Film zu tun haben.
In den zahlreichen Interviews, die Mora seit Erscheinen ihres jüngsten Romans gegeben hat, wird sie immer wieder nach dem Motiv der »ökonomischen Blase« gefragt, die in dem Roman eine wichtige Rolle spielt. Sie hat darauf hingewiesen, dass sie an dem Roman bereits gearbeitet habe, als die aktuelle Finanzkrise noch nicht in Sicht war. Die Realität hat ihren Roman sozusagen eingeholt. Das mag daran liegen, dass sich gesellschaftliche Entwicklungen doch längerfristig ankündigen und Schriftsteller oft ein besonderes Sensorium dafür haben.
Der Protagonist Darius Kopp hat mit drahtlosen Netzwerksystemen zu tun. Das wird gerne damit begründet, dass Terézia Mora mit einem Systemanalytiker, der noch dazu wie Kopp aus der DDR stammt, verheiratet ist. Aber so eng sind Leben und Literatur wohl nicht mit einander verbunden. Sowohl Darius Kopp, wie auch Abel Nema, der Held von Moras erstem Roman Alle Tage, sind, so verschieden sie sind, antriebsschwache Kleinbürger, die mit den Anforderungen des Lebens nicht zurechtkommen. Sie erinnern, Kopp mehr als Nema, ein wenig an die Protagonisten der frühen Romane Martin Walsers. Mit ihm teilt Mora auch die Mischung aus Sympathie und ironischer Distanz zu den eigenen Figuren. Verkürzend könnte man formulieren, dass Terézia Mora ein Milieu, das Walser für die Nachkriegszeit und die Jahre des Wirtschaftswunders beschrieben hat, für die Zeit nach der sogenannten Wende literarisch gestaltet hat.
Von Moras jüngstem Roman heißt es bei einem Kritiker, in dem Roman gebe es keinen Erzähler, während andere Kritiker ausführlich über die Besonderheiten des Erzählers in diesem Roman schreiben. Mehrfach wird der Schriftstellerin eine »glasklare Sprache« attestiert, und es stellt sich die Frage, was das für eine Sprache ist, in der man eine Sprache »glasklar« nennt. Immer wieder wird ein Satz aus dem Roman zitiert, in dem Darius Kopp Radio hört und der Satz vom Präteritum ins Präsens und wieder zurück ins Präteritum changiert, was eigentlich in dem Kontext absolut zwingend erscheint. Ob es für eine Autorin, so sehr sich sich darüber freuen mag, dass alle Rezensionen begeistert, ja euphorisch ausgefallen sind, nicht frustrierend ist, wenn sie so viele Klischees über ihre eigene Arbeit lesen muss?
Sie werden, wie die Dinge liegen, bei Terézia Moras nächsten Büchern wiederkehren. Heute wird die Schriftstellerin 40 Jahre alt.
