Heute weiß ich, dass die Sache mit der Schokolade vielleicht nicht das größte Problem des Kriegszustands in Polen war. Und ich weiß, wie der Mann heißt, der ihn herbeiführte: Wojciech Witold Jaruzelski. Heute vor 30 Jahren, am 11. Februar 1981, wurde General Jaruzelski Ministerpräsident Polens. Als solcher beendete er – zumindest äußerlich – den Protest gegen die wirtschaftliche Misere des Landes, der sich immer weiter ausgebreitet hatte. Bei unseren östlichen Nachbarn hatte sich im Herbst 1980 eine freie Gewerkschaft gebildet, die Solidarnosc unter der Führung des späteren Friedensnobelpreisträgers (1983) und polnischen Ministerpräsidenten (1990-95) Lech Walesa. Sie wurde kraft Kriegsrecht verboten und jahrelang gewaltsam unterdrückt, ehe sie 1989 auch offiziell zur tragenden politischen Größe in Polen wurde.
Aus einem Streik von Werftarbeitern entstanden, dessen Ursache die Entlassung einer Kranführerin war, wurde sie zu einer breiten Bewegung gegen die herrschenden politischen und ökonomischen Verhältnisse in Polen, getragen von Arbeitern, denen sich regimekritische Intellektuelle zur Seite stellten. Unterstützt wurde sie von der katholischen Kirche, die in Polen eine wichtige gesellschaftliche Rolle spielt. Nicht nur die Gemeinden an der Basis, nicht nur der 2010 selig gesprochene Arbeiterpriester Jerzy Popieluszko, auch der polnische Episkopat stand hinter der Solidarnosc. Das wirkte sich bis zu meiner Schokolade aus: Józef Kardinal Glemp, der damalige Erzbischof von Warschau und Primas von Polen, hatte gute Beziehungen zu unserer Gemeinde bzw. umgekehrt, was die Grundlage war für die LKWs mit Hilfsgütern, die damals vom Niederrhein nach Osten rollten und (nicht nur) Schokolade brachten.