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Freitag, 25. Mai 2012 | 09:03

 

Erich Loest zum 85. Geburtstag

24.02.2011

Echtheit des Jargons

»Ich werde nie wieder ein dickes Buch schreiben, ich bin zu alt. Das Kurzzeitgedächtnis lässt nach. Wir Greise können doch keine 400 Seiten mehr überblicken. Wenn ich auf Seite 200 bin, weiß ich nicht mehr, was auf den ersten Seiten stand. Ich begnüge mich mit einem Tagebuch. Jeden Morgen um 8.30 Uhr nach dem Frühstück sitz' ich an der Maschine und tippe vor mich hin. Sonst würde ich in ein Loch fallen«, bekannte der Schriftsteller Erich Loest im letzten Jahr freimütig in einem BILD-Interview. Von PETER MOHR

 

Im Lebensweg des heute vor 85 Jahren in Mittweida bei Chemnitz geborenen Autors spiegelt sic«h exemplarisch die leidvolle jüngere deutsche Geschichte. Gleich zwei totalitäre Regime hinterließen ihre Spuren: Als Jugendlicher wurde er von den Nazis »verführt« und 1943 für eine Freischärlerbewegung angeworben. Diesen Fehltritt wollte er in den Gründerjahren der DDR durch besondere Linientreue kompensieren, doch die Ausschreitungen des 17. Juni 1953 führten bei ihm zu einer abrupten ideologischen Wende. Erich Loest, der Hemingway, Fontane und Böll als seine Vorbilder bezeichnet, war zu dieser Zeit (zuvor war er drei Jahre bei der Leipziger Volkszeitung tätig) bereits ein respektierter, linientreuer Autor, weilte in seiner Funktion als Vorsitzender des Leipziger Schriftstellerverbandes in Ost-Berlin und wurde selbst Augenzeuge der Gräueltaten. Er gehörte zu den vehementen Kritikern nach dem blutig niedergeschlagenen Ungarn-Aufstand und wurde wie viele andere oppositionelle Intellektuelle inhaftiert und zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt, die er im berüchtigten Zuchthaus Bautzen absaß.

 

Die eigene bewegte Vita und seine Bodenständigkeit hat der Jubilar, der 2009 mit dem deutschen Nationalpreis ausgezeichnet wurde, stets als Eckpfeiler für die schriftstellerische Arbeit genutzt. Seine Wahlheimatstadt Leipzig war in vielen Romanen (u.a. Völkerschlachtdenkmal, Nikolaikirche, Reichsgericht) der Handlungsort. Dementsprechend groß war Loests Freude, als ihm anlässlich seines 70. Geburtstags die Ehrenbürgerwürde der Stadt Leipzig verliehen wurde: »Diese Auszeichnung ist das größte, was ich mir vorstellen kann.«

 

Mit detektivischer Akribie (unter dem Pseudonym Hans Walldorf hat er etliche Kriminalromane geschrieben, 1988 schuf er gar ein Tatort-Drehbuch) hat sich Loest zum Chronisten des Alltags aufgeschwungen. Eine möglichst große Authentizität war ihm stets wichtiger als der geschliffene Stil.

 

Als Hans Mayer Anfang der 80er Jahre den Fallada-Preisträger Loest feierte, tat er dies mit den an Fallada gerichteten Worten von Kurt Tucholsky: »Was vor allem auffällt, ist die Echtheit des Jargons. Das kann man nicht erfinden, das ist gehört. Und bis aufs letzte Komma wiedergegeben.«

 

Auch auf die jüngsten Werke des Autors, der von 1994 bis 1997 dem Verband deutscher Schriftsteller vorstand, trifft dies uneingeschränkt zu. So auch auf seinen 2009 erschienenen Roman Löwenstadt, mit dem Loest der Stadt Leipzig ein weiteres literarisches Denkmal gesetzt hat. Dieser Roman fällt jedoch in doppelter Hinsicht aus dem Rahmen. Zum einen schlägt er einen überaus großen erzählerischen Bogen, der von Napoleons Niederlage in der Völkerschlacht von 1813 bis in die Gegenwart des Jahres 2008 reicht, und zum anderen hat Loest eine Art Fortschreibung seines Romans Völkerschlachtdenkmal (1984) um sechs Kapitel vorgelegt. Heute wie damals steht Fredi Linden im Mittelpunkt des Romans, aber Loests Protagonist ist mit den Jahren ein politisch unsicherer Kantonist geworden. Er wird verdächtigt, einen Anschlag auf das Völkerschlachtdenkmal geplant zu haben und sitzt deshalb in der Psychiatrie.

 

Pünktlich zum 85. Geburtstag ist im Steidl Verlag nun ein Tagebuchband mit dem humorvollen Titel Man ist ja keine Achtzig mehr erschienen. Erich Loests Werke sind vor allem durch ihre große Authentizität literarische Zeitzeugnisse von bleibendem Wert.

 

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