Gorbatschow kam rechtzeitig. Er wurde zur rechten Zeit Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und sorgte als solcher im wirtschaftlich und politisch maroden Ostblock für die Wende. In der ökonomisch am Boden liegenden Sowjetunion, die am Ende fast ein Viertel ihres Bruttosozialprodukts in dem bizarren Rüstungswettlauf mit den USA aufwendete, der als »Kalter Krieg« in die Geschichtsbücher einging, leitete er eine Reformpolitik ein, die die Gesellschaft umgestalten sollte (Perestrojka). Gorbatschow stand für eine neue Offenheit des Staats gegenüber dem Bürger (Glasnost) und gegenüber dem Westen. Den anfangs noch skeptischen USA schlug er Abrüstung und Entspannung als neue Leitprinzipien der internationalen Beziehungen vor, ein Novum seit Jahrzehnten der waffenstarrenden Abschreckung und der bilateralen atomaren Bedrohung. Die Aufhebung der Breschnew-Doktrin, die der Sowjetunion ein Interventionsrecht in den sozialistischen »Bruderstaaten« einräumte, sorgte überall in Osteuropa für Erleichterung und ebnete den Revolutionen am Ende der 1980er Jahre den Weg. Gorbatschow kann damit als einer der bedeutendsten Politiker des 20. Jahrhunderts betrachtet werden.
Am 2. März 1931 in Priwolnoje bei Stawropol im Nordkaukasus geboren, studierte Gorbatschow Jura und trat 1952 in die KPdSU ein. Als Erster Sekretär des Gebietes Stawropol und Mitglied im Zentralkomitee der KPdSU machte er schnell Karriere, so dass er verhältnismäßig jung zum Generalsekretär der KPdSU gewählt wurde; Gorbatschow war gerade 54, als er in der Sowjetunion an die Macht kam (1985). Mit frischen Ideen sorgte er dafür, dass ihn bald die ganze Welt kennen und schätzen sollte.
Besonders Deutschland verdankt »Gorbi« viel. Mit der eingangs erwähnten Ermahnung Honeckers sorgte er im Oktober 1989 – zur rechten Zeit! – für den nötigen Druck. Nach dem Mauerfall stimmte er rasch einer Wiedervereinigung zu. Seine besonnene Haltung in der Frage einer Vollmitgliedschaft Deutschlands in der NATO machten Gorbatschow zum eigentlichen Spiritus Rector der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen des Sommers 1990. Im Einheitsjahr erhielt Gorbatschow unter anderem auch dafür den Friedensnobelpreis. Es folgten viele andere Ehrungen und Auszeichnungen, etwa der »VIVA Comet für Außerordentliche Verdienste um die europäische Jugend« (1998), der »Augsburger Friedenspreis« (2005) und der »Marion Dönhoff Preis für internationale Versöhnung und Verständigung« (2010).