Innerlich zerrissen
1849 ist sein produktivstes Jahr. In den ersten drei Düsseldorfer Jahren komponiert er zwar mit großem Eeifer weiter, aber das, was er schreibt, trägt deutliche Spuren seines seelischen Leidens. Musiktheoretiker identifizieren »Verrückungen der Noten im Rhythmus des Wahns«; sein letztes Opus (Gesänge der Frühe) gilt als »traurigstimmender Beleg der restlosen Verausgabung eines der größten Genies der Musik, dessen kranke Seele sich ruhesehnend in himmlischen Gedanken wiegt«.
Das ganze Leben des Komponisten ist von psychischen Krisen geprägt. Das Tagebuch, das er von seinem 18. Lebensjahr an führt, zeugt schon in jungen Jahren von tiefster Melancholie. Kein Wunder, denn als junger Mensch hatte Schumann bereits viel mitmachen müssen; in elf Jahren verlor er fünf engste Verwandte. 1825 begeht seine nervenkranke Schwester Emilie Selbstmord, ein Jahr später stirbt sein Vater, 1833 sein Bruder Julius, kurz darauf seine Schwägerin Rosalie und Anfang 1836 schließlich seine Mutter. So oft und stark mit dem Tod konfrontiert, fällt er von einer Trauerzeit in die andere.
Seine Tätigkeiten als Kritiker und Komponist Anfang der 1830er Jahre zerreißen ihn innerlich und in ihm entstehen die beiden Gestalten, in denen Schumann sein Doppelwesen personifiziert: der verträumte Eusebius und der kämpferische Florestan. Traum und Kampf – nirgendwo tritt diese Ambivalenz der Gefühle deutlicher zu Tage als in seinem langen Ringen um die Liebe zu seiner Clara.
Doch die Auseinandersetzung mit Claras Vater zehrte zusätzlich an den Nerven und vertiefte Schumanns Schwermut. Seine Depression bildete die Grunderkrankung, eine Gemütsdisposition, die das plötzliche, infarktartige Entstehen immer neuer psychotischer bzw. neurotischer Leidensformen begünstigte. Schwermütiger Seelenschmerz schwebt stets über Schumann, Anfälle nervöser Angstzustände und Schlaflosigkeit treten immer wieder plötzlich hinzu, in periodischer Wiederkehr. Sein Leben war Leiden.
Zum Ende dieses kurzen, qualvollen Lebens glitt Schumann nach einem Anfall im Juli 1853, den er selbst als »Nervenschlag« bezeichnete, endgültig in den Dauerzustand des Wahnsinns, der sich in Hör- und Sprechschwierigkeiten, Halluzinationen und dem so genannten »Faschingsscherz« manifestierte.
Wenige Tage nach diesem Suizidversuch überführt man ihn auf eigenen Wunsch in die Nervenheilanstalt Endenich bei Bonn. Dort besucht ihn der junge Kollege Brahms regelmäßig – seit dem Zusammenbruch Robert Schumanns ein Freund der Familie –, Clara hingegen wird untersagt, ihren Mann zu besuchen, zu groß sei für ihn die Aufregung.
Zweieinhalb Jahre sehen sich die beiden nicht, bevor die Sehnsucht Clara zu ihrem geliebten Gatten treibt. Am 27. Juli 1856 sehen sie sich wieder. Er lächelt sie an, erkennt sie offenbar, trotz der geistigen Verwirrtheit. Mit letzter Kraft umarmt er seine Frau. Sie bleibt noch Stunden bei ihm. Zwei Tage später stirbt Robert Schumann. Es scheint, als habe er auf Clara gewartet.
